Barbara Gowdy: Kleine Schwester
Bild © Kunstmann

Die kanadische Schriftstellerin gilt als Meisterin des seelischen Ausnahmezustands, erfindet ungewöhnliche Szenarien, traut sich, in die Gefühlswelt von afrikanischen Elefanten einzudringen oder zu untersuchen, was im Kopf eines Mannes vor sich geht, der ein neunjähriges Mädchen entführt.

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Rose, eine junge Frau, fällt immer wieder mal in Ohnmacht , wenn ein Gewitter naht – und findet sich dann im Körper einer anderen Frau wieder, erlebt intensiv mit, was diese gerade macht und denkt. Wenn das Gewitter vorbei ist, ist sie wieder in ihrem Körper, als sei nichts geschehen. Sie beginnt zu recherchieren, wer diese Frau ist. Und es dauert nicht lange, bis sie es herausgefunden hat. Auf diese Weise wird sie immer mehr in einen Sog hineingezogen, erlebt diese Besuche im Körper der anderen Frau als etwas elementetares, will dieses Erlebnis immer wieder abrufen und sehnt sich das nächste Gewitter herbei.

Harriet, die Frau in deren Körper sie landet, ist Lektorin bei einem angesehenen Literaturverlag, sie hat eine Affäire mit einem Kollegen und ist schwanger, geht zum Yoga. Warum sie für Rose so anziehend ist, wird allmählich herausgearbeitet: Harriet hat sehr ähnliche Augen wie die kleine Schwester von Rose, die schon als Kind gestorben ist, es war ein Unfall, an dem Rose nicht ganz unschuldig war. Und so kommen auf sehr feine Art längst verdrängte Schuldgefühle wieder hoch. "Kleine Schwester" ist also ein Psychokrimi – es geht auch um den Tod der Schwester, aber nicht um Aufklärung eines Mordes, sondern um Kindheitsmuster, Verdrängung, nachgetragene Liebe. Und es geht auch um Vergessen – nicht nur, weil die Mutter Protagonistin an Demenz erkrankt ist.

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Kleine Schwester

Barbara Gowdy
Kunstmann
22 Euro

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Autorin Barbara Gowdy hat sich auch einen Namen  als Autorin von Kurzgeschichten gemacht – und diese Schule merkt man dem Roman genau an. Sie schildert verschiedene Episoden, aus dem Leben von Rose, aus dem Leben von Harriet, es gibt Rückblenden in die Kindheit von Rose, es gibt auch immer wieder Verweise auf klassische Kinofilme – es ist auch ein Buch also für Cineasten – und diese einzelnen Episoden sind fast schon in sich geschlossene Geschichten mit einer kleinen Pointe, einer unerwarteten Wendung – also ganz in der Schule der short Story.

Fazit

Wir haben es hier mit einem sehr guten Roman zu tun, mit einer sehr gekonnten Art zu erzählen, Spannung aufzubauen und das ganze dramaturgisch zusammenzufügen. Barbara Gowdy hat alle Regeln des guten Schreibens eingehalten. Ich hatte ein bisschen Mühe, in diesen Roman hineinzukommen, aber wenn man mal drin ist, dann entfaltet das eine ganz eigene Intensität, man folgt der Protagonistin sehr gerne und läßt sich auf diese Parallelwelten ein.  Ein feines, sehr virtuos  und spannend erzähltes Buch , sehr präzise übersetzt von Ulrike Becker.

Vorgestellt von Ursula May

Sendung: hr2-kultur, Sendung, 19.12.2017, 8:30 Uhr

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