Heinrich Böll
Verehrt, gescholten, als "Gutmensch" geachtet oder kritisiert: Heinrich Böll (1917-1985) Bild © picture-alliance/dpa

Der Nobelpreisträger aus Köln gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Nachkriegszeit. In seinen Kurzgeschichten spiegelte er die Situation der Menschen in den Trümmern, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hatte. Satirisch ging er auf die deutsche Medienlandschaft ein und kritisierte den deutschen Polizeistaat. Wir erinnern mit einem Portrait und unterziehen einige Werke einem "Haltbarkeitstest".

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Heinrich Böll

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Mit einem geliehenen Frack reist er nach Stockholm zur Preisvergabe." Terry Albrecht über das Leben von Heinrich Böll

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Der erste Literaturnobelpreisträger der Bundesrepublik war einer der schärfsten Kritiker der gesellschaftlichen Zustände im Land, etwa in Büchern wie "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". Böll galt aber auch als das "Gewissen der Nation" und wurde der "gute Mensch von Köln" genannt. Terry Albrecht portraitiert den Schriftsteller.

Heinrich Böll hat Haltung bewiesen, Unrecht erkannt und sich empört

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Heinrich Böll hatte den Anspruch ein Einzelkämpfer zu sein" Literaturwissenschaftler Ralf Schnell im hr2-Kulturcafé

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Heinrich Böll war ein politischer Denker, aber er war gerade nicht das "Gewissen der Nation", sagt Ralf Schnell. Für sein Buch "Heinrich Böll und die Deutschen" (Kiepenheuer&Witsch) hat der Literaturwissenschaftler die intensive Beziehung des Dichters zu seinem Land untersucht - und die der Deutschen zu ihrem Dichter. Denn das, so Ralf Schnell, war Böll zu allererst: Ein Schriftsteller, dessen öffentliche Einflussnahme nicht von seiner literarischen Arbeit zu trennen ist.

Biografie eines Unbequemen und stets Angefeindeten

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zum Artikel Jochen Schubert: Heinrich Böll

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Zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll hat der Germanist Jochen Schubert eine Biographie veröffentlicht, die den Literaturnobelpreisträger als Mensch, Schriftsteller und Zeitkritiker zeigt. Schubert, der auch Mitherausgeber der großen Böll-Werkausgabe ist, hatte ungehinderten Zugang zum Nachlass des 1985 verstorbenen Autors. Er zeichnet das Porträt eines Unbequemen, der sich mit seinen Büchern und seit 1956 auch in öffentlichen Reden sehr kritisch mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik auseinandersetzt und sich dafür heftigsten Anfeindungen aussetzte. 

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Heinrich Böll

Jochen Schubert
Theiss Verlag
345 Seiten
29,95 Euro

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Drei Werke im "Haltbarkeitstest"

"Katharina Blum" - Strategien der Demagogie, bis heute gültig

Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Hetzkampagnen, die es auch heute noch gibt: Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ Bild © dtv

"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von 1974 war Bölls Reaktion auf eine Hetzkampagne, bei er selbst Opfer eines Rufmords wurde. Anlass war ein Artikel im "Spiegel", in dem Böll der Bild-Zeitung im Zusammenhang mit der RAF Volksverhetzung vorwarf. Ziel seiner Intervention, so Böll später, sei eine Entspannung des Verhältnisses von Staat und Roter Armee Fraktion gewesen – doch er hatte die Mechanismen der Demagogie unterschätzt. Statt als Vermittler gesehen zu werden, wurde Böll als "Sympathisant des Terrorismus" abgestempelt. Zwei Jahre später griff er in dieser Erzählung das Thema Sensationsjournalismus wieder auf. Eindruck beim Wiederlesen: die Bild-Zeitung mag seither Kreide gefressen haben – dafür zapfen die sozialen Medien die Quellen des Mobbings erfolgreich an wie nie. (Ruth Fühner)

"Doktor Murke"– liebevolle Abrechung mit den Öffentlich-Rechtlichen

Böll: Doktor Murkes gesammeltes Schweigen
Bölls Satire scheint bis heute gültig, er beschreibt den ganz normalen Wahnsinn eines öffentlich-rechtlichen Rundfunkhauses Bild © KiWi

Heinrich Böll beschreibt hier den ganz normalen Wahnsinn eines öffentlich-rechtlichen Rundfunkhauses im Jahr 1955. Der junge, intelligente und liebenswürdige Hörfunkredakteur Doktor Murke (in der Verfilmung gespielt vom jungen Diter Hildebrandt) muss zwei Reden des großen Bur-Malottke bearbeiten. Dieser Kunst- und Kulturkritiker ersten Ranges will seine religiöse Kehrtwendung von vor zehn Jahren korrigieren und in seinen Reden das Wort "Gott" durch die Formulierung "jenes höhere Wesen, das wir verehren" ersetzen wissen – und das ist nur ein Beispiel für die Geschichtsvergessenheit und das leere Pathos, das Böll in dieser Erzählung darstellt. 

Bölls Satire hat zwar ein wenig Patina angesetzt, lässt aber die Frage zu, wie weit wir uns von dem patriarchalischen, selbstbezüglichen Medien- und Kulturbetrieb der 50er Jahre wirklich entfernt haben. Es gibt immer noch viel zu lachen in diesem satirischen Text - und manchmal bleibt einem das Lachen auch im Halse stecken. (Alf Mentzer)

"Ansichten" - Sozialkitsch aus dem katholischen Rheinland

Böll: Ansichten eines Clowns
Aus heutiger Sicht eine enttäuschende Lektüre - Bölls "Ansichten eines Clowns" Bild © KiWi

Heinrich Bölls Roman "Ansichten eines Clowns" von 1963 führt tief ins Herz des Rheinlandes und der Bonner Republik. Hans Schnier ist Clown, Außenseiter und Sohn einer Industriellenfamilie. Böll liefert hier ein Porträt eines Außenseiters, einen desillusionierenden Blick von unten auf Adenauers CDU-Republik. Er lebt in wilder Ehe mit Marie, die sich schließlich trennt, weil der Clown Hans Schnier sich weigert, etwaige Kinder katholisch zu erziehen. Religion und Bigotterie stehen im Zentrum dieses Erfolgsromans.

Heute gelesen liest sich diese Schilderung wie ein Bericht aus grauer Vorzeit. Wenige Jahre später gründete die rebellischen Studenten bereits ihre Kommune und propagierten die freie Liebe. In "Ansichten eines Clowns" wird Sex meistens verschämt und verklemmt die "Sache, die Mann und Frau zusammen machen" genannt. Wer das Buch wieder - oder neu - liest, kann den großen Abstand zu heute ermessen und versteht nur schwer die erbitterten Diskussionen und die Kritik, die der Roman beim Erscheinen auslöste. Nach den Roaring Sixties, der Studentenbewegung, nach Globalisierung und Postmoderne scheint diese Welt des rheinischen Katholizismus in ihrer Borniertheit und Engstirnigkeit untergegangen.

Inhaltlich ist eine Neulektüre enttäuschend. In der Form des Ich-Erzählers geschrieben, bleibt der Protagonist sehr der Welt verhaftet, die er beschreibt. Eine ausdrucksstarke bildhafte Sprache wird vergebens gesucht, Bölls Stil ist spröde und ohne Finessen. Oft werden Bewertungen von Personen bereits mitgeteilt, bevor überhaupt etwas beschrieben wird. Doch Beschreiben statt Behaupten war stets eine gute literarische Maxime, die in jedem Creative Writing Kurs gelehrt wird. Und die Hauptfigur trieft vor Selbstmitleid, mit einem Wort: Sozialkitsch. Robert Gernhardt hatte treffend böse über Heinrich Böll gereimt: "Als Mensch, da war er erste Sahne - wären da nicht die Romane!" (Mario Scalla)

Sendung: hr2-kultur, 21.12.2017, ab 6:04 Uhr

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