Das Cover von Ursula May Sorj Chalandon: Mein fremder Vater
Chalandons Chronik einer schwierigen Kindheit Bild © dtv

Die Auseinandersetzung mit dem gewalttätigen Vater steht im Zentrum von Sorj Chalandons siebtem Roman. Er zeigt uns die Innenperspektive einer Kindheit, die aus Chalandon auch einen Kindersoldaten oder Selbstmordattentäter hätte machen können.

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zum Artikel "Zwischen Lachen und Entsetzen" Ursula May über das Buch

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Sorj Chalandon  ist Journalist und Schriftsteller , arbeitete bei der Zeitung "Libération" und war als Kriegsreporter im Libanon, Iran, Irak, Somalia und Afghanistan tätig. Seit 2009 ist Sorj Chalandon einer der Herausgeber der Zeitung "Le Canard enchaîné".

In "Mein fremder Vater" schreibt Chalandon über seine Kindheit im Lyon der 60er Jahre. Es sind erschütternde Erlebnisse eines Kindes, das einem Aufschneider und Tyrannen ausgeliefert war. Der Vater ist extrem gewalttätig, ein falsches Wort genügt und es setzt Ohrfeigen und andere Prügel.

Gewalt und eine skurile Imagination

Der Vater lebt dabei in einer  eigenen Phantasie-Welt. Was will er nicht alles gewesen sein: Fallschirmspringer, Sänger, Judolehrer mit schwarzem Gürtel, erst Berater von General de Gaulle, dann Widerstandskämpfer, Profifußballer und sogar Geheimagent. Er weiß die aberwitzigsten Geschichten zu erzählen, um seiner Lügenwelt Glaubwürdigkeit zu verleihen und instrumentalisiert seinen Sohn. Der hat massive Problem, die Welt draußen mit dem Terrorregime zusammen zu bringen, das der Vater zu Hause errichtet hat.

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Sorj Chalandon: Mein fremder Vater

Übersetzt von Brigitte Große
dtv Verlagsgesellschaft
272 Seiten
22 Euro

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Fazit

Sorj Chalandon hat einen großartigen Roman über seine Kindheit geschrieben, was ja eine Gradwanderung  ist, wenn die Erfahrungen autobiographisch sind.  Fast alles, was Chalandon in seinem Buch schreibt, hat er tatsächlich so erlebt – und trotzdem schafft er es, die irrwitzige Welt seines Vaters mit Distanz und einer Portion Humor zu beschreiben. Absurde und tragikomische Momente machen das Lesen vielleicht nicht zu einem Vergnügen, aber doch zu einem Abenteuer. Es ist gut, dass Sorj Chalandon nach dem Tod seines tyrannischen  Vaters die Kraft und den Mut hatte, seine Leidens- und Lebensgeschichte als Roman zu schreiben. Und es macht Mut, dass "Mein fremder Vater" solch ein erstaunlich gut komponiertes, souverän erzähltes Buch geworden ist.

Vorgestellt von Ursula May

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 15.12.2017, 08:30 Uhr

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