Herbst 1980. In Basel packt ein Mann das Nagra-IV-Aufnahmegerät und 120 Spulen Magnetband reisefertig zusammen, dazu ein Paar der gerade erst erfundenen Dummy Head Mikrophone für Kunstkopf-Aufnahmen, die – in den eigenen Ohren getragen – den Klang so räumlich wiedergeben sollen, wie keine andere Technik zuvor.

Sein Plan: Vom Mündungsdelta des Amazonas in die letzten Refugien der brasilianischen Urbevölkerung vorzudringen – und zurück in die ernüchternde Realität des Zwanzigsten Jahrhunderts.  Er will den Wasser- und Waldkontinent für die Hörer des Schweizer Rundfunks und koproduzierender Sender in Österreich, Deutschland und den Niederlanden so abbilden, als befände sich jeder einzelne im Zentrum des Klanggeschehens.

Für den 37jährigen Spross einer verzweigten Künstlerfamilie ist der Start aufgeladen mit Erwartungen. Die Festanstellung als Hörspielregisseur hat er aufgegeben. Alles oder nichts. Doch während der schwer bepackte Mann den äquatorialen Halbkontinent zu durchqueren beginnt, tragen ihn die Töne, die Bilder und die Menschen, denen er begegnet, immer weiter von den eigentlichen Plänen fort. Die Wirklichkeit reibt sich an den Vorstellungen des aufgeklärten Mitteleuropäers. Nach elf Wochen, in denen er auch noch dem Charme einer singenden Amazone erliegt, kehrt Matthias von Spallart mit einzigartigen Aufnahmen und dennoch tief enttäuscht zurück. Noch während verständnisvolle Kollegen im Studio letzte Hand an die Kunstkopf-Sendung "Brasil" anlegen, erhängt sich der Schweizer in einem Wald bei Dornach, Kanton Solothurn.

„Der Kunstkopf-Mann“ ist das Porträt eines Menschen, der von seiner Idee besessen war und daran 1981 tödlich scheiterte. Zugleich weckt das Feature aber auch Erinnerungen an eine Radioperiode, die solche Gestalten hervorgebracht hat.

NDR 2018

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit