Christian Gerhaher
Christian Gerhaher Bild © Sony classical / Gregor Hohenberg

Bariton Christian Gerhaher und Pianist Gerold Huber haben Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" eingespielt – und das zum zweiten Mal. Warum nach 14 Jahren jetzt eine Neuauflage? Was hat sich verändert?

Dem Vergleich mit dem großen Dietrich Fischer-Dieskau muss er schon lange nicht mehr standhalten: Längst hat sich der Bariton Christian Gerhaher einen eigenen klingenden Namen ersungen. Und was tut er zu Beginn der CD? Er singt nicht, er liest. Denn nur 20 seiner insgesamt 25 Gedichte hat Franz Schubert 1823 vertont – fünf der Texte ließ er aus. Dazu gehören den Prolog, den Epilog und drei weitere Gedichte, die Christian Gerhaher nun in dem Liederzyklus einfach liest. Das haben zwar vor ihm auch schon andere gemacht – aber längst nicht so einleuchtend und deutlich prononcierend wie er. Christian Gerhaher wird auf diese Weise zum zweifachen Textdurchdringer – als Rezitator und natürlich als Sänger.

Wie tragisch das Tragische singen?

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Cover Gerhaher Schöne Müllerin

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Naturbursche in Wallung" Ursula Böhmer über die CD

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Vor 14 Jahren, als Christian Gerhaher "Die schöne Müllerin" schon einmal aufgenommen hat, stand noch die tragische Liebesgeschichte im Vordergrund: Dunkel umwölkt, behäbiger, staatstragender klang seine Stimme. Gerhaher wollte eine musikalische Visitenkarte abgeben. Heute ist er einer der gefeiertsten Lied- und Opernsänger weltweit. Und er klingt heute erstaunlicherweise jünger, heller, frischer. Der ehrwürdige Liedsänger im schwarzen Frack ist bildhaft zum jungen Naturburschen im karierten Hemd zurück mutiert. Und Gerold Huber, sein treuer Klavierpartner im Geiste, bringt diesen Burschen erst so richtig in Wallung!

Weitere Informationen

Die schöne Müllerin

Christian Gerhaher, Gerold Huber
Sony Classical 88985427402

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Packend, wie Gerold Huber hier rechte und linke Hand gegeneinander ausspielt, die linke immer wieder hinein funken lässt in das Töne-Wirrwarr der rechten. Wo Christian Gerhaher ganz Textinhalt ist, ist Gerold Huber ganz Gefühl. Sie seien wie Gummibänder, die einen "in einem gewohnten Rahmen halten", hat Christian Gerhaher mal gesagt. Einmal mehr zeigt sich, wie flexibel sich diese Bänder innerhalb des Lied-Gerüstes emotional dehnen lassen – von aufgewühlt-zerrüttet bis todesstill.

Eine Stimme. die alles kann, auch tonlos

Bei Christian Gerhaher verliebt sich der Hörer in den Stimmklang - weil der Text die Hauptrolle spielt. Gerhaher spürt auf, was hinter der "Schönen Müllerin" steckt. Die tödliche Tragödie vom unglücklich verliebten Müllerburschen, der sich vergebens in die Tochter seines Meisters verliebt, zeichnet er als "Psychopathogramm" eines Mannes, der mehr die "Idee des Liebens liebt als das Lieben oder gar eine Geliebte selbst", wie Gerhaher im Beiheft schreibt. Faszinierend, wie Christian Gerhaher auch mal nur mit Stimmfarbe arbeitet, mit Vibrato spart. Man könnte es als "tonlosen Gesang" bezeichnen – und dieses Paradoxon macht ihm weltweit weiterhin keiner nach. Wortwörtlich tonlos lässt Gerhaher den Liederzyklus am Ende ausklingen - mit dem Epilog von Wilhelm Müller: Der Kreis schließt sich – auch um zwei Textdeuter, die wahrhaftig Ausnahme-Künstler sind.

Vorgestellt von Ursula Böhmer

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 24.10.2017, 6:45; Klassikzeit, 11:30 Uhr

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