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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found " Ich möchte die Menschen aus Bergen-Enkheim bitten, zu mir zu kommen"

Schriftstellerin Anne Weber Stadtschreiberin von Bergen 2020

Mit jedem neuen Buch wage sie ein neues literarisches Experiment, so urteilte Kritiker Ijoma Mangold. Dabei ist Anne Weber das Experiment denkbar unwichtig. Sie möchte nur die richtige Form für die verschiedenen Inhalte finden. Jetzt wird die Autorin, die sich selbst nicht als Romanschriftstellerin sieht, Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim.

Stadtschreiberhaus Bergen-Enkheim

So wurde aus der Annäherung an Goethes Sohn August beispielsweise ein bürgerliches Puppentrauerspiel oder aus der Suche nach Herkunft in "Ahnen" ein Zeitreisetagebuch. Anne Weber lebt in zwei Kulturen. Seit 1983 hat sie ihren festen Wohnsitz in Paris. Das macht den Umgang mit dem Begriff Heimat schwierig:

Zitat
Ich habe jetzt in Frankreich kein Heimatgefühl - und in Deutschland auch keins. Ich habe eine alte Vertrautheit aus der Kindheit. Das ist gar nicht schlecht für das, was ich tue, nämlich Schreiben: Ich stehe immer etwas daneben und bin nie eingerichtet in "meiner" Sprache und in "meinem" Sein.
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Anfangs verfasste Anne Weber ihre Texte in französischer Sprache und übersetzte sie später ins Deutsche. Heute ist es umgekehrt. Sie gehört zu den wenigen Übersetzern, die Romane und Werke anderer Autoren in beide Richtungen übertragen, aber sich selbst zu übersetzen ist noch mal etwas Besonderes. Es habe, sagt sie, etwas bisschen schizophrenes, dieses Sich-selbst-Übersetzen. Sie schreibe schließlich nicht aus der Erinnerung noch einmal das ganze Buch neu, sondern gehe Satz für Satz vorwärts - dann sei sie viel freier als ein normaler Übersetzer.

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Anne Weber

Anne Weber wurde 1964 in Offenbach geboren, besuchte das Wolfgang-Ernst-Gymnasium in Büdingen, lebt seit 1983 in Paris. Nach dem Studium der französischen Literatur und Komparatistik an der Sorbonne arbeitete sie bis 1996 in französischen Verlagen. Ihr Roman Kirio (S. Fischer) stand auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse 2017. Zuletzt erschien Annette, ein Heldinnenepos bei Matthes & Seitz.

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Peter Härtling (re.) und Peter Rühmkorf 1977 beim Stadtschreiberfest Bergen-Enkheim

Anne Weber sieht sich selbst nicht als Romanautorin. Worte wie Plot, Handlung oder Spannungsbogen sind ihr verhasst. Vielmehr schreibt sie Geschichten, die zwischen Fiktion und Wirklichkeit einen eigenen literarischen Raum beanspruchen. Für ihr Stadtschreiberamt in Bergen-Enkheim hat sie sich etwas ausgedacht, das sie mit der Bevölkerung in Verbindung bringt.

Zitat
„Wie kann ich denn in Bergen-Enkheim etwas machen, was ich nicht woanders tun könnte? Ich möchte die Menschen aus Bergen-Enkheim bitten, zu mir zu kommen und mir eine Geschichte zu erzählen. Keine selbsterlebte, sondern eine, die bereits von der Mutter, der Großmutter oder dem Nachbarn erzählt wurde. Und derart bewegend oder ärgerlich war, dass sie bis heute erinnert wird. Allerdings kann ich überhaupt nicht dafür garantieren, was ich dann mit diesen Geschichten irgendwann machen will oder nicht.“
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Annette, ein Heldinnenepos. Matthes & Seitz, Berlin 2020

Anne Weber ist ein forscher und sehr wacher Mensch. Ihre Texte spiegeln ihre Persönlichkeit, und es wird spannend zu sehen, wie sie mit dem Ort umgeht, an dem sie ab September viel Zeit verbringen wird. Die Konfrontation mit dem Leser jedenfalls scheut sie nicht, obwohl sie keine Autorin sei, die lange Lesereisen macht, wo sie jeden Abend dieselben Auszüge des selben Buches über Monate lesen würde, sodass ein Sättigungsgefühl nicht entsteht und sie gerne auf andere Menschen, die diese Bücher gelesen haben, treffe - und sich gerne anhöre, was ihnen dazu einfällt oder was das in ihnen hervorgerufen hat oder was sie bewegt hat.

Am 28. August wird sie ihr Amt antreten. Corona-bedingt werden Großveranstaltungen dann noch verboten sein. Aber es wird ein kleines Events zur Schlüsselübergabe in Bergen-Enkheim geben. Lassen Sie sich überraschen!

Sendung: hr2-kultur, 27.6.2020, 7:45 Uhr

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