Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2019, "Der Prozess"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Politisch, emotional, sehr aktuell - Kafkas "Prozess" in Bad Hersfeld

Jörn Hinkel , der neue Intendant der ältesten Freiluftspiele der Republik, setzt auf eine Mischung aus anspruchsvollen und aktuellen Theaterstoffen sowie populären Musicals. Für die Eröffnungspremiere in Bad Hersfeld hat Hinkel eine Bühnenfassung von Kafkas Roman "Der Prozess" inszeniert - und Deniz Yücel als kritischen Festredner gewonnen.

Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2019, Rede von Intendant Jörn Hinkel
Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2019, Rede von Intendant Jörn Hinkel Bild © picture-alliance/dpa

Solch eine dezidiert politische wie auch emotional bewegende Eröffnung war in Hersfeld in jüngster Zeit selten zu erleben: Angefangen damit, dass Intendant Jörn Hinkel zu einer Schweigeminute für den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke aufrief,
der noch vor zwei Jahren an dieser Stelle die Festspiele eröffnet hatte.

Es folgte der Prolog zur eigentlichen Theaterpremiere: Auf der Bühne war fast das ganze Ensemble versammelt. Sie Schauspieler verlasen jeweils einzelne Sätze aus unserem Grundgesetz, ein starker Auftakt, ein direkter Kommentar zum Inhalt der Premiere, in der es um einen Menschen geht, der eines Morgens verhaftet wird, und er nicht weiß warum. Das genau ist dem Journalisten Deniz Yücel passiert. Er war danach 13 Monate in der Türkei in Haft – zu Unrecht, wie erst vor wenigen Tagen auch das türkische Verfassungsgericht feststellte.

Wieviel Kafka ist noch drin auf der Bühne in Hersfeld?

Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2019, "Der Prozess"
Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2019, "Der Prozess" Bild © picture-alliance/dpa

Man  muss kein Kafka-Experte sein, um die diese Inszenierung wertzuschätzen und zu verstehen. Der Roman ist etwas anders komponiert, Hinkel hat einige Figuren verändert oder im Kontext der Biografie von Kafka neu interpretiert: Josef K. ist ein ganz heutiger Typ, kein etwas verklemmter, eher scheuer Prokurist wie bei Kafka, sondern eher der Typ alerter Anlagenberater. Ronny Miersch spielt ihn als einen virilen, von sich überzeugten dynamischen Jungen Mann, der erst im Lauf des Prozesses nach und nach seine Selbstsicherheit verliert. Die Zimmernachbarin Fräulein Bürstner heißt hier Felice mit Vornamen, wie die Freundin von Kafka, Felice Bauer, hier ist sie die Geliebte von Josef K.

Wie kommt ein sperriger Text in die Kulisse der Stiftsruine?

Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2019, "Der Prozess"
Eröffnung der Bad Hersfelder Festspiele 2019, "Der Prozess" Bild © picture-alliance/dpa

Wirklich überraschen und beeindrucken ist, wie die Szenerie, die man sich beim Lesen des sperrigen Textes vorstellt, also stickige Amtsstuben und Gerichtsälen, die kleinen Bude von Josef K. und sein Büro in der Bank, in Bad Hersfeld in ein sehr plausibles Bühnenbild überführt wurde, das die Höhe und die Tiefe des Raumes der romanischen Stiftsruine mit einbezieht. Im Prinzip geschieht das durch überdimensionierte hohe Aktenschränke, die hin- und hergeschoben werden, also Räume enger und  dann wieder größer machen, einen Gerichtssaal entstehen lassen oder einen Wartesaal, einen Nachtklub oder die Bank. Und dazu erzeugen Bühnenbildner Jens Kilian und Kollegen eine ausgeklügelte Lichtdramaturgie, die Stimmungen von Angst, von Enge, von Hilflosigkeit gegenüber einer undurchschaubaren Bürokratie erzeugt.

Wie schlägt sich die Prominenz aus Film und Fernsehen?

Filmschauspieler Marianne Sägebrecht spielt mit überzeugender mütterlicher Wärme die Haushälterin, im Text Vermieterin, von Josef K., die einzige, die ihn nicht im Stich lässt: Ganz ohne spektakulären Gesten der Rolle entsprechend und angenehm zurückhaltend. Dieter Laser als der Advokat, der Josef K. nicht helfen kann oder will, hingegen gibt den Affen Zucker, der Schauspieler und Berufsbösewicht hat Augen, die bis in die 20. Zuschauerreihe noch durchdringen. Er macht aus dem Anwalt einen dämonischen und machtgeilen Fiesling. Das war effektvoll, um nicht zu sagen ein wenig effekthascherisch.

Weitere Informationen

69. Bad Hersfelder Festspiele

bis 1. September
Stiftsruine
Den Spielplan und weitere Informationen finden Sie hier

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Fazit

Eine alles in allem sehr beeindruckende Inszenierung eines nicht einfachen, aber leider sehr aktuellen Stoffes. Mit eindrücklichen Bildern, mit Sinn auch für die surrealen, die komischen und skurrilen Elemente inszeniert und bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt und gespielt.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 8.7.2019, 7:30 Uhr

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