Michael Quast als Tartüff und Katerina Zemankova als Elmire

Molières "Tartüff" ist eine ziemlich üble Person, ein angeblicher Tugendheld, ein Frömmler, ein Schwindler, kurzum: Er wäre ein schlimmer Verbrecher, wenn man ihm in der Realität begegnete - auf der Bühne aber ist er eine hinreißende Figur!

Gespielt wird die jetzt vom Frankfurter Volkstheater-Schauspieler Michael Quast in Höchst, beim Sommerlichen Festival "Barock am Main". Das ist ein schönes, routiniertes Sommertheater mit einem bewährten Klassiker unter freiem Himmel, gutem Wein, kleinen hessischen Speisen, netten Besuchern, die so wirken, also ob sie seit Jahren zu Barock am Main pilgern.

Wie legt Quast diese Rolle an?

Michael Quast hat spürbar Spaß an der Doppelmoral seiner Figur. Einerseits der Frömmler, andererseits der Betrüger und Schwindler, der vor nichts Halt macht – und dem es immer wieder gelingt, den reichen Bürger Orgon genau vom Gegenteil dessen zu überzeigen, was der gerade gesehen hat. Es muss dicke kommen, damit Orgon einsieht, dass Tartüff sogar versucht sich an Orgons Ehefrau heranzumachen. Und als er kapiert, dass Tartüff ein Schwindler ist, da ist es um Haus und Hab geschehen – beinahe jedenfalls.

Und die übrigen Schauspieler? 

Das ist eine gute Ensemblearbeit, keiner wird vom anderen an die Wand gespielt und jeder hat auch mal seinen Auftritt. Besonders gut sind Ulrike Kienbach als Hausangestellte Dorche, aber auch Katerina Zemankova als Elmire, die zweite Ehefrau von Orgon – geballte Fauenpower gegen den schlimmen Tartüff!

Und wie funktioniert das alles uff Hessisch?

Es ist eine Verbeugung vor dem Theaterautor Wolfgang Deichsel, der dieses Jahr 80 Jahre alt geworden wäre und der Barock am Main mitbegründet hat. Seine Tartüff-Bearbeitung wurde 1972 schon am Frankfurter TAT uraufgeführt – sie ist voll von lustigen und originellen Redewendungen. Denn wer kennt schon die Formulierung "Friss die Beisszang" als Ausruf höchter Empörung über die Untaten der Titelfigur? Diese hessische Bearbeitung, die im Untertitel "De Deibel in Gestalt" heißt, funktioniert auch heute sehr gut.

Herrlich, trotz Routine

Gespielt wird vorübergehend im Hof der Porzellanmanufaktur Höchst, solange der Bolongaro-Garten renoviert wird. Das Ausweichquartier wird seit drei Jahren bespielt und Michael Quast hat vor der Vorstellung gesagt, dass sie wohl jetzt Halbzeit haben, dass sie im Jahre 2022 wieder in den Bolongogarten zurückkehren dürfen. Klar, dort ist's schöner und es herrscht noch mehr Atmosphäre - aber der Hof in der Porzellanmanufaktur in Höchst ist auch ein sympathischer Ort, um Theater zu spielen. Insgesamt würde man sich etwas weniger Routine und ein bißchen mehr künstlerisches Risiko für eine solche Produktion wünschen - aber das Stück macht Spaß und unterhält sehr gut.

"Der Tartüff oder De Deibel in Gestalt"
Komödie in Hessischer Mundart von Wolfgang Deichsel nach Molière
im Hof der Porzellanmanufaktur Höchst
Bis 4. August 

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 11.7.19, 7:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit