Liegende Erdogan-Statue in Wiesbaden

Es wurde laut gestritten – rund um das Erdogan-Kunstwerk der Wiesbaden Biennale. Sehr laut. Damit ist die Rechnung der Biennale-Macher aufgegangen. Alles, was sie vorhatten, kann man dem goldenen Erdogan tatsächlich zusprechen: Die Kunst sollte mit den Menschen aus dem Viertel direkt in Kontakt kommen. Sie sollte Diskussionen anregen und gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar machen. Die heftigen Reaktionen wurden von den Kuratoren der Biennale bewusst kalkuliert – darum haben sie das goldene Männlein ja direkt in einem Viertel aufgestellt, in dem besonders viele türkische Migranten leben..

Ästhetisch ist das Kunstwerk nicht gerade berauschend. Die Skulptur hat den drögen Charme eines kommunistischen Herrscherdenkmals. Wenn auch absurd goldfarben überhöht. Doch erst durch seinen Kontext bekommt das parodistische Erdogan-Werk seine tiefere Ebene – und seine Berechtigung „Kunst“ statt „Denkmal“ genannt zu werden. Die Statue, die Stadt, die kontroverse Debatte – all das ist Bestandteil des Kunstwerks.

Aber die ganze Sache wäre eher mittelmäßig bedeutsam geblieben, wäre der goldene Erdogan noch ein paar Tage weiter beschmiert und bejubelt worden. Denn das Sichtbarmachen ist zwar eine besondere Qualität von Kunst – allerdings ist hier etwas sichtbar gemacht geworden, das wir schon längst wussten: Erdogan hat leidenschaftliche Anhänger und erbitterte Feinde. Deshalb von einer verfehlten Integration zu sprechen, wäre sehr kurz gedacht. Das intensive, emotionale Ringen dieser Parteien um Gut und Böse hat die Statue jedoch mit einer großen Kraft aufgeladen, die sie sogar als Bedrohung erscheinen ließ – was am Ende sogar die Kuratoren selbst überrascht hat.

Dass die Erdogan-Statue nun doch vorzeitig – vor Beendigung der Biennale – von der Stadt Wiesbaden abgebaut wurde, stellt streng genommen einen Eingriff in die Kunstfreiheit dar. Die Stadt kam damit den Bitten der Polizei nach, größere Unruhen zu vermeiden. Denn es sollten sich bereits – Zitat „kurdische Kreise“ - überregional zu Protestaktionen in Wiesbaden verabredet haben.

Es ist ein bekanntes, ein altes Spiel: Freiheit versus Sicherheit. Das eigentlich Problematische daran ist, dass mit dem Abbau der Statue radikale Kräfte, die Partikularinteressen vertreten, plötzlich bestimmen, was Kunst in unserer Gesellschaft darf. Aus Angst vor Entgleisungen der wütenden Affektgemeinschaft überlassen wir so indirekt ihr die Deutungshoheit.

Für die Biennale-Macher ist der Abbau der Erdogan-Statue dagegen ein großes Glück! Denn so konnte die Skulptur der Mittelmäßigkeit entgehen – abgebaut werden sollte sie in absehbarer Zeit sowieso. Doch durch die vorzeitige Entfernung ist die Erdogan-Statue zu einem bedeutsamen Symbol geworden. Ja, der vorzeitige Abbau selbst ist nun ein bildmächtiger Bestandteil des Kunstwerks geworden. Die Bilder vom goldenen Erdogan, der in den Seilen des Krans hängt, mit seinem verstaubt-patriarchal erhobenen Arm; sie erinnern stark an die Bilder von gestürzten Diktatoren und ihren Statuen, wie einst jene von Stalin, Marx und Lenin und in jüngerer Zeit von Saddam Hussein. Die Statue selbst mag fort sein; die Bilder vom gestürzten goldenen Erdogan werden wie eine kleine, böse Vorwegnahme in unserem kollektiven Bild-Gedächtnis zirkulieren. Weltweit. Unauslöschlich. Das ist das Gute an der Kunst: Sie bleibt am Ende unberechenbar – und ist damit allen, die sie instrumentalisieren wollen, immer einen guten Schritt voraus.

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