Ganz Ullysses
Familie Ganz - ein Buch aus ihrer Bibliothek erzählt die Geschichte ihrer Vertreibung Bild © Repro: Leder

Seit 16 Jahren tourt die Wanderausstellung "Legalisierter Raub" durch Hessen. Ihren Abschluss findet sie jetzt im Historischen Museum in Frankfurt. Sylvia Schwab und Julika Tillmanns sind der Geschichte einzelner Ausstellungsobjekte nachgegangen.

Das Historische Museum und drei weitere Museen haben im Zuge des Ausstellungsprojekts ihren eigenen Bestand auf geraubte Objekte hin überprüft und schließen sich gemeinsam mit der Wanderausstellung zu einem Ring von insgesamt fünf Ausstellungen zusammen. In Frankfurt werden so in den kommenden Monaten in vier Museen Objekte gezeigt, die Geschichte erzählen. Einige stellen wir hier vor.

Die schöne Nähmaschine von Meinhard Lichtenstein aus Volkmarsen

An jeder Station, die die Wanderausstellung "Legalisierter Raub" gemacht hat, wurde ein neuer regionaler Schwerpunkt erarbeitet. So wurden aus ursprünglich 15 rund 140 Vitrinen mit Dingen, die eine schwierige Geschichte haben. Aus dem nordhessischen Volkmarsen kommt ein besonders großes Objekt, eine Nähmaschine aus jüdischem Besitz.

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Raubkunst Nähmaschine

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Was mit der Nähmaschine geschah, das lässt sich nicht mehr ganz klären."

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Schneidermeister Meinhard Lichtenstein, seine Frau Käthe und die Kinder Arthur, Ilse und Inge wurden früh Opfer nationalsozialistischen Terrors. Gleich im Jahr 1933 wird der Betrieb erstmals attackiert, der Sohn von der Schule in Bad Arolsen entfernt. Vier Jahre später flieht Arthur, gerade 18-jährig, in die USA. Seine Eltern denken da noch nicht an Flucht. Hat Meinhard Lichtenstein die Nähmaschine vielleicht noch verkauft, in verzweifelter Hoffnung? Wurde sie geplündert? Oder ging sie bei einer Versteigerung an den ehemaligen Schneiderkollegen über? Ernst Klein, der mit der letzten Überlebenden der Familie Lichtenstein in Kontakt getreten ist, hat die Maschine jedenfalls wiedergefunden.

Ilse Lichtenstein (li.) mit Schwester Inge und Bruder Arthur
Ilse Lichtenstein (li.) mit Schwester Inge und Bruder Arthur Bild © Sammlung Ernst W. Klein

Das Meisterwerk eines bekannten Silberschmieds

Nicht nur in der Nazi-Zeit wurden Juden enteignet. Auch nach dem Krieg hörten Diebstahl bzw. Raub nicht auf. Das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt hat zehn wertvolle Silberobjekte im Bestand, die es gar nicht besitzen dürfte - wie einen barocken Bierhumpen aus jüdischem Besitz.

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Raubkunst Bierhumpen

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Er stammt aus der Kunstsammlung des jüdischen Sammlers Joseph Pinkus"

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Er stammt aus der Kunstsammlung des jüdischen Sammlers Joseph Pinkus, der diese seiner Tochter Hedwig vermachte, der Frau und späteren Witwe von Paul Ehrlich. Mit den Ehrlichs kam die Sammlung Pinkus nach Frankfurt, und als Hedwig Ehrlich 1939 in die Schweiz emigrierte, übergab sie die ca. 600teilige Sammlung in ein Depot der Dresdener Bank. Dieser Tresor wurde dann im Zuge der Enteignung jüdischen Eigentums geöffnet.1949 wurden diese  Objekte den Erben von Hedwig Ehrlich zurückgegeben. Aber nicht alle! Zehn von ihnen befinden sich noch immer im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt. Warum blieben sie dort? Mit dieser Frage beginnt die detektivische Arbeit der Provenienzforscher.

Familie Pappenheimer hat nicht überlebt, die Erinnerung ist lebendig

Durch welche Zufälle, Gegenständen aus ursprünglich jüdischem Besitz heute wieder auftauchen, das erzählt ein Fund aus Dreieich-Sprendlingen.

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Haus der Schäfers

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Die Familie Pappenheimer in Sprendlingen hatte zwei Söhne, den Albert und den Julius, der eine ist mit ins Konzentrationslager gekommen und der andere ist nach Frankfurt verzogen."

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Als Corinna Molitor 2011 die Leitung des Museums in Dreieichenhain übernahm, die Bestände durchsah, und viele Leihgaben zurückgab um Platz für eine neue Dauerausstellung zu schaffen, machte sie einen Überraschungsfund. In der Kirchvitrine fanden sich Silberbecher, die der Kirche gar nicht gehörten. Diese stammen vermutlich aus dem Besitz der Familie Alfred Pappenheimer aus der Hauptstraße 3 in Sprendlingen. Vor der Deportation wurden sie zur Aufbewahrung an Anna und Ludwig Schäfer in der Hauptstr. 10 übergeben.

Zitat
„Und wie ich meine Oma nach den Bechern gefragt hab', da sagt sie: 'Von der Familie Pappenheimer zur Aufbewahrung bekommen.' Und dann hat sie mir erzählt von der Familie, einer jüdischen Familie, die schräg gegenüber ihren Laden gehabt hat.“ Zitat von Enkel Hans Ludwig Schäfer
Zitat Ende

Und wiederentdeckt im Nachlass von Anna Schäfer von den Enkeln Hans Ludwig und Wilhelm Schäfer, die sie 1997 dem Dreieich Museum übergeben. Rein zufällig entdeckt können Alltagsgegenstände wie diese beiden Becher ganze Familienschicksale auffächern. Nun gilt es, die Erinnerung an die Familie Pappenheimer zu bewahren und einen Platz für ihre Becher im neu gestalteten Heimatmuseum zu finden.

Der "Ulysses" des Großvaters als gerettetes Stück Familiengeschichte

Auch Objekte, die gar nicht geraubt wurden, werden in einer der Raubkunst-Ausstellungen ausgestellt. Wie die alte Ausgabe des "Ulysses" von James Joyce in der Wanderausstellung "Legalisierter Raub" im Historischen Museum Frankfurt. Ein Buch, das Adam Ganz aus London zur Verfügung gestellt hat.

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Ganz Ullysses

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Die Sammlungen waren weg, die Bibliothek war weg, und dieses Buch steht für mich auch für Hoffnung und für eine Welt voller liberaler Ideen, die ganz, ganz schnell kaputt gemacht worden ist."

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Hermann Ganz, der Großvater von Adam Ganz, stammte aus einer wohlhabenden und liberalen jüdischen Familie in Mainz. Die Familie Ganz war nicht nur geschäftlich international ausgerichtet, auch die privaten Neigungen waren grenzüberschreitend. Es gab eine große Bibliothek im Haus, eingerichtet von Hermanns Vater Felix Ganz. Und auch Hermann liebte und sammelte Bücher, allerdings hatte er einen moderneren Geschmack als sein Vater. Adam Ganz erinnert sich, wie er als Kind zuhause in London in der alten Ulysses-Ausgabe blättern durfte. Es war ein besonders wertvolles Exemplar, denn es stammte aus der ersten oder zweiten Auflage des weltberühmten Romans, der 1922 bei "Shakespeare and Company" in Paris erschienen war.

Der in London geborene Nachfahre Adam Ganz hat die schön gebundene Ausgabe des "Ulysses" der Ausstellung "Legalisierter Raub" zur Verfügung gestellt. Für ihn ist die"Ulysses"-Ausgabe des Großvaters auch ein Stück Geschichte seines in Deutschland geborenen Vaters, der 1938 erst nach Buchenwald deportiert wurde und dann auch nach London emigrieren konnte.  

Wertvoller Kultgegenstand: Geraubt, zurückgegeben, gezeigt

Unter den Frankfurter Museen, in denen die Ausstellungsreihe "Gekauft- Gesammelt – Geraubt?" inszeniert wird, spielt das Jüdische Museum eine Sonderrolle. Denn hier im Museum Judengasse sind die zehn geraubten Gegenstände der Sonderausstellung sozusagen zu Hause, etwa dieses alte Tora-Schild.

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Tora-Schild

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ein Objekt, das mir sehr gut gefällt und das eine reichhaltige Geschichte aufweist und das auch von seiner künstlerischen Fertigung her besonders hervorsticht."

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Es war 1952 unter dem Begriff "Jüdisches Brustschild" inventarisiert worden – ein Signal dafür, dass die Mitarbeiter des Historischen Museums nach dem Krieg gar nicht wussten, was sie für einen Schatz besaßen. Tora-Schilder sind ein Schmuck der Tora-Rolle. Die wird nach der Lesung im Gottesdienst zusammengerollt und in eine Art Mantel gehüllt, dieser wiederum wird zusammengehalten von dem Tora-Schild. Es dient als Schutz, Schmuck und auch als eine Art Kalender, auf dem verzeichnet wird, an welchen Feiertagen welche Textstellen aus der Tora-Rolle gelesen werden.

Die Silberschmiedearbeit hat Johann Adam Boller im 18. Jahrhundert für die Frankfurter jüdische Gemeinde angefertigt. 1987 wurde sie dem Jüdischen Museum übergeben. Und zwischendurch? Wie bei so vielen Gegenständen aus jüdischem Besitz konnte bisher nicht endgültig geklärt werden, woher das Schild genau stammt. Es wurde in der Progromnacht 1938 wahrscheinlich aus einer Synagoge geraubt und tauchte 1952 bei der Inventarisierung im Historischen Museum wieder auf. Ein Fall von unzähligen Kultobjekten, die Ende der Dreißiger Jahre verschwanden und von einem deutschen Museum "gerettet" wurden.

Nur ein Löffel? Er berichtet vom Grauen, das von Deutschland ausging

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Silberlöffel

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Da wundert man sich, was macht eigentlich ein Löffel in einer Mappe im Museum?"

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Auch das Historische Museum Frankfurt trägt mit einem eigenen Projekt zum Erinnern bei. In zahlreichen Mappen werden hier die Spuren jüdischer Mitbürger gesammelt, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Die Kuratorin des Projekts, Angela Jannelli, hat ein ganz unscheinbares Objekt herausgefischt, einen Löffel, der auf eine Mappe aufgeklebt ist.

Die Mappe hat Angela Jannelli geöffnet, die im Historischen Museum die "Bibliothek der Generationen" betreut. Ein künstlerisches Erinnerungsprojekt, zu dem auch Edgar Sarton-Saretzki beigetragen hat. Seine Mappe erinnert an die Geschichte seiner Familie. Der Vater, Nathan Saretzki, war Lehrer für jüdische Religion und Oberkantor der liberalen jüdischen Hauptsynagoge in der Börnestraße in Frankfurt. Sein Sohn, Edgar Sarton-Saretzki konnte Deutschland in letzter Sekunde verlassen.

Zitat
„Man kann erzählen so viel man will, diese Atmosphäre, das kann man einfach nicht weitergeben. Ich erinner' mich an die Umzüge von der SA, wie die mit dem Lastwagen vorbeifahren und 'Wenn‘s Judenblut vom Messer spritzt' gröhlen.“ Zitat von Edgar Sarton-Saretzki
Zitat Ende

Ab 1939 mussten Juden zwangsweise alles Silber, alle Edelmetalle abgeben. Man durfte nur einen Löffel oder einen Ehering behalten, nicht mehr. Weil die Familie vier Köpfe umfasste, sind wahrscheinlich auch diese vier Löffel erhalten geblieben. Und wie konnten die Löffel überdauern? Weil sie versteckt worden sind, von Tante Martha, auch Jüdin, aber mit einem nicht-jüdischen Mann verheiratet. Nachdem dieser verhaftet worden ist, ist die Tante versteckt worden - und da sie so den Krieg überlebte, konnten auch diese Löffel den Krieg überdauern, sie hat sie aufbewahrt und dann Edgar zurückgegeben.

"Gekauft - Gesammelt – Geraubt?" - vier Museen in Frankfurt mit Ausstellungen zur NS-Raubkunst

Weitere Informationen

Geerbt. Gekauft. Geraubt?
Alltagsdinge und ihre NS-Vergangenheit

Abschluss der Wanderausstellung "Legalisierter Raub"
Historisches Museum
Saalhof 1, 60311 Frankfurt
17. Mai – 14. Oktober 2018

Geraubt. Gesammelt. Getäuscht.
Die Sammlung Pinkus/Ehrlich und das Museum Angewandte Kunst

Museum Angewandte Kunst
Schaumainkai 17, 60594 Frankfurt
7. Juni – 14. Oktober 2018

Geraubt. Zerstört. Zerstreut.
Zur Geschichte von jüdischen Dingen in Frankfurt

Museum Judengasse
Battonnstraße 47
60311 Frankfurt
17. Mai - 14. Oktober 2018

Gesammelt. Gekauft. Geraubt?
Fallbeispiele aus kolonialem und nationalsozialistischem Kontext

Weltkulturen Museum
Schaumainkai 29-37, 60594 Frankfurt
16. August 2018 – 19. Januar 2019

Ende der weiteren Informationen

Mehr zum geschichtlichen Hintergrund und dem Begleitprogramm der Ausstellung

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück und Kulturcafé, 14.-19.5.2018

Aktueller Song:
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