Fridericianum
Drohen dunkle Wolken über dem Fridericianum? Bild © Alf Haubitz

Die Diskussionen um die documenta in Kassel hören nicht auf. Jetzt haben mehr als hundert Künstler und Kulturschaffende in einem Offenen Brief ihre Sorge geäußert, die documenta würde nach dem Defizit-Debakel der letzten Schau "kommerzialisiert" und "von der Politik vereinnahmt" werden.

Ob die Kasseler Weltkunstausstellung wirklich "kommerzialisiert" oder "von der Politik vereinnahmt" wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht das Wesentliche in der Debatte um die Neuausrichtung der documenta-Gesellschaft. Das wahre Problem liegt momentan meiner Ansicht nach in einer Art von "interkulturellem Konflikt". Auf der einen Seite steht die "Kultur der Politiker", die der Öffentlichkeit versprochen haben, die gemeinnützige documenta GmbH nach dem 5,4-Millionen-Defizit der letzten Weltkunstausstellung unbedingt zukunftsfähig – heißt auch: defizitfrei – zu gestalten. Das ist gut und wichtig!

Audiobeitrag
Podcast Kulturgespräch

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Kein Wunder, dass Künstler und Kulturschaffenden misstrauisch sind!" Tanja Küchle über den Offenen Brief zur Zukunft der documenta.

Ende des Audiobeitrags
Zitat
„Ihre zukunftsweisenden Planungen (...) werden mit dieser fehlgeleiteten Diskussion ebenso konterkariert wie das Anliegen der documenta-Ausstellungen seit 1997, nicht-westlichen und nicht-marktkonformen Positionen eine Bühne zu geben...“ Zitat von Aus dem Offenen Brief
Zitat Ende

Auf der anderen Seite steht die "Kultur der Künstler und Kulturschaffenden", die befürchten, dass damit alles nur verschlimmbessert wird und letztlich sogar die Freiheit der Kunst in Gefahr ist. Dass jemand das im Blick behält, ist ebenfalls gut und wichtig! In ihrem offenen Brief äußern die mehr als hundert teils namhaften Künstler, Kulturschaffenden und andere ganz konkret die Sorge, dass die documenta-Gesellschaft ihren gemeinnützigen Status verlieren könnte.

Das wäre in der Tat fatal, hat aber kein involvierter Politiker je gesagt, weder der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein, noch der Kasseler Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der documenta-Gesellschaft Christian Geselle. Aber die gemeinsame Presseerklärung von Stadt und Land vom 15. November 2017 lässt durchaus in diese Richtung spekulieren: Da soll nämlich ein "externes Beratungsunternehmen" die documenta gGmbH "evaluieren". Zitat: "Darin soll es um eine Ist-Analyse der vorhandenen personellen, organisatorischen und finanziellen Strukturen der Gesellschaft gehen, insbesondere zu Controlling und Risikomanagement, einschließlich Vorschlägen und Maßnahmen zur Verbesserung." Eigentlich müsste man abwarten, was bei dieser Analyse herauskommt. Erst dann kann man konkret über die vorgeschlagenen Maßnahmen diskutieren.

Andererseits: Wann haben Vokabeln wie "Controlling" und "externes Beratungsunternehmen" schon mal bedeutet, dass sich jemand wirklich in den Betrieb einfühlt? Oder Abläufe nach "gemeinnützigen" oder gar künstlerischen Gesichtspunkten optimiert? In der Regel sorgt eine "externe Beraterfirma" doch eher für Kostenersparnis, Effizienzsteigerung und Entlassungen. Kein Wunder, dass die Künstler und Kulturschaffenden, die den offenen Brief unterzeichnet haben, misstrauisch sind! Dass Kassels OB Christian Geselle früher mal der Stadtkämmerer war, macht die Skepsis, dass es hier am Ende nur ums Geld geht, noch größer.

Das heißt nicht, dass die Kritiker mit ihrem offenen Brief im Recht wären – es heißt aber, dass ihr Unbehagen nachvollziehbar ist. Nach eigener Aussage der Verfasser soll dieser Brief vor allem eines sein: Ein Gesprächsangebot an die Politik. Nicht alle Bedenken, die darin genannt werden, sind sinnvoll oder gar belegt, und manches ist vielleicht eine Prise zu vorwurfsvoll formuliert. Aber den Brief deshalb einfach als Panikmache abzutun, wäre nicht fair. Und nicht klug. Die verantwortlichen Politiker sollten tatsächlich nicht nur die wirtschaftliche Expertise, sondern auch die Fachkenntnisse von Künstlern, Kuratoren und anderen Kulturschaffenden in die documenta-Umstrukturierung einbeziehen.

Das Verdienst dieses offenen Briefs zum jetzigen Zeitpunkt ist, dass die Verantwortlichen damit öffentlichkeitswirksam sensibilisiert sind für das, was sie im Laufe dieses Prozesses keinesfalls gefährden dürfen: die Unabhängigkeit der künstlerischen documenta-Leitung, die Freiheit der Kunst.

Ein Kommentar von Tanja Küchle

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit