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Performance im Rahmen von "A Primer of Higher Space“ - hier sogar im Freien: vor der Kunsthalle Bild © Rolf K. Wegst

Um eine höhere Dimension und die Menschheit als große Familie geht es in der Ausstellung "A Primer of Higher Space (The Family of Man revisited)“. Unter diesem Titel bespielt der hessische Künstler und Berliner Kunst-Professor Thomas Zipp die Gießener Kunsthalle: mit einem irritierenden, postapokalyptisch anmutenden Campingplatz.

Sind wir die letzten Überlebenden?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Tanja Küchle über die Ausstellung von Thomas Zipp

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In der Mitte der Halle stehen zwei große Wohnwürfel aus Holz, eingerichtet wie kleine Gemeinschaftswohnräume. Neben den Hütten ragen mehrere riesige Sprengköpfe senkrecht in die Luft, Masten mit Scheinwerfern und Lautsprechern lassen an Massensuggestion und Überwachung denken. Aber da stehen auch Dixieklos, ein altes Motorrad, Campingtische, Klappstühle, Sonnenschirme und ein klitzekleiner Golfplatz. Die Atmosphäre ist aufgeladen, ambivalent. Es ist quasi ein "Versuchsaufbau“. Denn hier sollen Menschen – auch Besucher der Ausstellung – leben, schlafen, essen. Und alles tun, was ihnen sonst noch in den Sinn kommt. Ein offenes Experiment, ein Wagnis.

Die 4. Dimension

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Alle sind gleich - und durch Anonymität geschützt. - Performance im Rahmen von "A Primer of Higher Space“ Bild © Rolf K. Wegst

Thomas Zipp bezieht sich mit dem Titel seiner Ausstellung "A Primer of Higher Space“ auf eine so benannte theoretische Schrift von 1913. Der Verfasser, ein amerikanischer Architekt, stellte darin Überlegungen zu einer höheren, einer 4. Dimension an. Und so entsteht auch in der Gießener Kunsthalle gewissermaßen eine eigene Dimension – eine Art Zwischenwelt, in der rätselhafte Dinge geschehen. Ähnlich vielleicht dem Kaninchenbau bei Alice im Wunderland. Und wenn man mitten drin steht, ist man zutiefst verunsichert, auf sich selbst zurückgeworfen – in einer Welt, die keine Orientierung mehr bietet.

Weitere Informationen

"Thomas Zipp – A Primer of Higher Space“

Kunsthalle Gießen
1. September – 18. November 2018

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Die große Menschheitsfamilie

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Tausende Dias aus privaten Sammlungen - ein persönliches wie kollektives Bildgedächtnis Bild © Rolf K. Wegst

Interessant erscheint das auch in Bezug auf den Untertitel der Ausstellung: "The Family of Man revisited“. Damit bezieht sich Thomas auf eine legendäre MOMA-Ausstellung in den 1950er Jahren, die den Ehrgeiz hatte, die komplexe Vielfalt der Menscheitsfamilie zu zeigen und seit 2003 zum Weltdokumentenerbe gehört. Die Fotos wurde dabei gruppiert in große, übergeordnete Menschheitshemen: Tod, Liebe, Arbeit, Krieg, Frieden usw. Thomas Zipp geht in Gießen ähnlich vor. Er hat Dia-Sammlungen von Privatleuten gekauft und ergänzt dieses persönliche Bildgedächtnis durch Fotos aus dem Internet, wie etwa den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un beim Fabrikbesuch. Es ist der Versuch einer Aktualisierung dessen, was die globale "Menschheitsfamilie“ heute prägt.

Die Dimension der Menschheit

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Deutlich überzeugender ist aber seine Fortentwicklung in den dreidimensionalen, haptisch erfahrbaren Raum unser aller "Alltäglichkeit“. Denn die kleinen Behausungen mit Ess- und Schlafstellen symbolisieren menschliche Grundbedürfnisse überall auf der Welt. Und sie werden zudem von Menschen in Performances "belebt“ und bespielt. Leben ist hier – buchstäblich – Kunst. Und umgekehrt. Das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Masse, dem Ich und dem Kollektiv – das  ist, was Thomas Zipp hier aufzuspüren und aufzubrechen versucht. Sein Experiment hat etwas ungeheuer Banales – und gleichsam traumhaft Anarchisches. Wir dürfen neugierig sein, was sich daraus entwickeln wird!

Vorgestellt von Tanja Küchle

Sendung: hr2-kultur, hr2-Kulturfrühstück, 31.08.2018. 07:30 Uhr

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