Theater Willy Praml: Amerika nach Franz Kafka
Karl, wohin? Das Theater Willy Praml widmet sich "Amerika" nach Franz Kafka Bild © Seweryn Zelazny

Mit etlichen Produktionen nimmt sich das Frankfurter Theater Willy Praml den Großen Amerikanischen Traum vor: Ein Stück von Edward Albee, Gedichte von Walt Whitman und jetzt der Amerika-Roman von Franz Kafka werden neu ausgeleuchtet. Ruth Fühner war bei der Premiere dabei.

Erinnert man sich noch an diesen ersten, Fragment gebliebenen Roman von Kafka, seinen hellsten und verspieltesten? In "Amerika" wird der gerde mal 16-jährige Prager Karl Rossmann von seiner Familie nach New York geschickt, nachdem er ein Dienstmädchen geschwängert hat, trifft dort unerwartet einen Onkel, der ein reicher Selfmademan geworden ist. Oder ist das vielleicht gar nicht sein Onkel, der ihn dann aus undurchsichtigen Gründen verstösst? Karl jedenfalls gerät in zwielichtige Gesellschaft zweier Tagediebe und einer Sängerin, er scheitert sogar als Liftboy. Kafkas Roman ist in gewisser Weise eine Parodie auf Goethe, dessen "Wilhelm Meister" am Ende "tätig in der Wirklichkeit" wird, während Karl seinen Aufbruch als Schauspieler im "Naturtheater Oklahoma" erlebt. Nur lässt Regisseur Willy Praml seinen Kafka-Karl, anders als im Roman, zwischendurch auch mal sterben.

Nie langweilige vier Stunden Ortswechsel

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Das Theater aus der Naxos-Halle setzt diesen Stoff genial um, bringt ihn nicht als Bildungsroman, an dessen Ende ein gereifter Charakter steht. Karl, der in dieser Inszenierung von drei jungen Frauen verkörpert wird, ist ein naiver, optimistischer Jüngling. In Glitzerhosen und Mickey-Mouse-T-Shirt wird die Figur zerlegt - und mit ihm geht das Publikum auf Wanderschaft, ganz wortwörtlich: Karl, zunächst als rebellischer Schiffs-Heizer, tritt unter den unverputzten Rohren des Foyers des alten Industriebaus in Erscheinung, seinen Weg führt ihn auf eine Dachterrasse der angrenzenden Gebäude mit Blick auf den Nachthimmel, der die Freiheit und die Weite des amerikanischen Wohlstands symbolisiert - und an verschiedene Stellen der Halle selbst, an denen durch eine bestechende Lichtregie und Schwarz-Weiß-Filme immer neue Bilder aus der Dunkelheit herausgezaubert werden.

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KAFKA/MERIKA

Kafkas Amerika-Fragment / Der Verschollene – "Es ist das größte Theater der Welt, . . . manche . . . sagen, es sei fast grenzenlos"

Mit: Jakob Gail, Muawia Harb, Virginia V. Hartmann, Birgit Heuser, Elisabeth Marie Leistikow, Ibrahim Mahmoud, Anja Signitzer, Claudio Vilardo, Michael Weber
Regie: Willy Praml
Bühne: Michael Weber
Kostüme: Paula Kern
Musikalische Bearbeitung und Toneinrichtung: Jakob Rullhusen
Videoprojektionen und Film: Rebekka Waitz
Regieassistenz: Vincent Jost
Zahlreiche Aufführungen in und um die Naxos-Halle in Frankfurt

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Das Individuum geht in der gleichgültigen Masse unter

Theater Willy Praml: Amerika nach Franz Kafka
Theater Willy Praml: Amerika nach Franz Kafka Bild © Seweryn Zelazny

Willy Praml bringt eine sehr kluge Auseiandersetzung mit dem bodenlosen Realismus von Franz Kafka, der ja ein großer Liebhaber des Kinos, des Absurden und des Slapstick war. Ein Abend voller überraschender und phantasievoller Details - eine Wundertüte, in der großes orchestrales Pathos in der Musik ebenso Platz hat wie das Groteske. Aber auch ein Abend mit leisem Schrecken, der einen ergreift, wenn man über die Abgründe der Verlorenheit hinter dem mechanischen Getriebe nachdenkt.

Eine hr2-Frühkritik von Ruth Fühner

Sendung: hr2-Kulturfrühstück, 13.3.2018, 7:30 Uhr

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