Im Atelier von Martin Liebscher
Im Atelier von Martin Liebscher Bild © hr/Blumenbecker

Wer sind die hessischen Künstler, die in unserer Nachbarschaft ihre Ateliers haben? Wie leben und arbeiten sie? Was sind ihre Themen, womit befassen sie sich? In unserer Reihe besucht Stefanie Blumenbecker ab sofort Künstler in ihren Ateliers und spricht mit ihnen über ihre Arbeit. Heute ist sie zu Gast bei Martin Liebscher in der HfG Offenbach.

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Martin Liebscher

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Wenn man Martin Liebscher begegnet, wirkt der Künstler kaum wie ein Selbstdarsteller. Im Gegenteil: Er hat etwas in sich Ruhendes, Natürliches und eine sehr angenehme Ausstrahlung. Bei aller Ernsthaftigkeit in unserem Gespräch spürt man stets auch etwas Sitzbübisches bei ihm. Sein Atelier/Büro/Unterrichtsraum an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach ist vollgestellt mit allem möglichen Zeug. Vor einer Fensterbank ist eine Sammlung alter Kameras aufgebaut. Bücher, Zeitschriften, Gerätschaften, alte Möbel, der Boden voller alter Farbkleckse, Regale, Schränke, Ablagen. Überall Zeug. Mittendrin Liebscher, Kaffee kochend, schmunzelnd. Wir blättern durch seinen neuesten Katalog.

1.000 Mal Martin Liebschers in Martin Liebschers "Steffi Graf Stadion"
Martin Liebschers "Steffi Graf Stadion" Bild © Martin Liebscher courtesy MARTIN ASBÆK GALLERY
Im Atelier von Martin Liebscher
Im Atelier von Martin Liebscher Bild © hr/Blumenbecker

Als ich an seine Tür an der Kunsthochschule klopfte, war ich durchaus vertraut mit seinem Werk. Da gibt es die Städteportraits, die er mit einer manipulierten Kamera macht. Lange Filmbänder, bis zu 250 Meter, können das werden. Friesartig entwickeln sich die Aufnahmen berühmter Städte in Bewegungsunschärfe. Liebscher hat das Potential des Prinzip Kameras neu ausgelotet, indem er den darin befindlichen Film (ja, analogen Film) durch einen kleinen eingebauten Motor langsam an der stetig geöffneten Linse weiterführte. Das Ergebnis ist teils abstrakt, teils poetisch, eine Ausdeutung der Möglichkeiten von Fotografie. Auch Getränke-Dosen hat er umgebaut - und zu Kameras entwickelt, die zugleich Bilder nach vorne und nach hinten schießen können. Heute werden diese experimentalen Stücke vor allem in den Unterrichtssituationen mit seinen Studenten eingesetzt.

Martin Liebscher
Martin Liebscher zu Gast bei Martin Liebscher Bild © Martin Liebscher
Weitere Informationen

Martin Liebscher

Geboren 1964 in Naumburg/Saale, lebt in Frankfurt und Berlin.
1990 bis 1995 Studium an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste Städelschule, Frankfurt am Main bei Martin Kippenberger und Thomas Bayrle
1996 Meisterschüler bei Thomas Bayrle
1993 Slade School of Fine Art, London

Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen:
1993 bis 1995 Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes
1996 Atelierstipendium im Haus der Frankfurter der Frankfurter Künstlerhilfe
1996 Hans Purrmann Preis der Stadt Speyer
1997 bis 1998 MAK, Mackey Apartment Stipendium, Los Angeles
1998, Guinessbuch: Weltrekord für das längste Gruppenfoto der Welt
1999, 1. Kunstpreis der "Frankfurter Welle", Kunstpreis der Volksbank, Förderpreis für Fotografie Rheinland-Pfalz
2007 ADC Award und Red Dot Award für "A Man with Opportunities"
2009 Deutscher Fotobuchpreis in Gold
2010 if Award für "Einer für Alle"

Seit 2007 Professor für Fotografie an der HfG Offenbach.

Zum Webauftritt des Künstlers geht's hier.

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Einer ist alle, ist keiner. Wer bist Du?

Martin Liebscher: Royal Theatre
Operngänger unter sich: Martin Liebschers "Royal Theatre" Bild © Martin Liebscher

Liebscher selbst befasst sich seit geraumer Zeit schwerpunktmäßig mit seinen sogenannten "Familienbildern". Auf großen Tableaus sieht man den Künstler an unterschiedlichsten Orten:  Konzerthallen, Sportstadien, der Deutschen Börse, der Fifa-Zentrale, in Schwimmhallen, auf Campingplätze und vielen weiteren Orten. Liebscher erscheint dort aber jeweils nicht nur einmal, sondern dutzendfach, hundertfach, tausendfach. Immer in der gleichen Kleidung, nimmt jeder Liebscher eine andere Haltung ein, führt eine andere Handlung aus, trägt einen anderen Gesichtsausdruck. Teils Performance, teils Collage haben diese Bilder etwas von den Wimmelbildern der alten holländischen Maler.

Während wir den Katalog betrachten wird mein Staunen immer größer. Detailbetrachtungen offenbaren die Sorgfältigkeit der Inszenierungen, den analytischen Blick, den der Künstler auf seine Umwelt wirft. Der Mensch als Zeitgenosse, wie verhält sich das Börsentier, der Campingplatzbewohner, der Lobbyist, der Bildungsbürger. Wir können uns selbst in den tausendfachen Liebschers entdecken und schmunzeln.

Video zu Martin Liebschers Ausstellung "Destinations" am Frankfurter Flughafen:

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Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 28.5.2018, 8:45 Uhr

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