Venedig Biennale Kreuzfahrtschiff 2019

Das Motto der diesjährigen Biennale in Venedig ist "Mögest Du in interessanten Zeiten leben" - eine vermeintliche, alte chinesische Fluchformel. Ein besonderer Fluch hat die Stadt gerade ereilt - in Form eines Unfalls. Ein riesiges Kreuzfahrtschiff kollidierte - zum Glück gab es nur Verletzte. Unsere Kunstkritikerin Tanja Küchle war da zufällig selbst in Venedig. Bis gestern.

Wie viel hat man von dem Unfall, diesem "Fluch", mitgekriegt auf der Biennale?

Tanja Küchle: "Das hat sich schnell verbreitet. Man sieht auch am Rande des Biennale Geländes und auf den Brücken in den Giardini, immer wieder diese riesigen Kreuzfahrtschiffe, die einfach alles überragen mit ihren 10, 12 Stockwerken. An diesen luxuriösen Riesendingern - und an diesem Unfall jetzt - lässt sich tatsächlich gut ablesen, in welchen 'interessanten', sprich eigentlich: "unsicheren Zeiten" wir leben: voller Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten, in einer globalisierten Welt des Turbo-Kapitalismus, in der immer weiter steigender Tourismus neben Klimakatastrophen steht. Das hat tatsächlich schon sehr viel vom diesjährigen Biennale-Motto."

Die 58te Esposizione Internaziolnale D'Arte ist von Ralph Rugoff kuratiert. Er mags gern publikums- und kommunikationsorientiert. Er sei ein gewiefter Popularisierer der Kunst, heißt es - ob das jetzt ein Kompliment ist? Wo zeigt sich das am besten?

Tanja Küchle: "Das zeigt sich vor allem in einer grandiosen Hauptausstellung, die inhaltlich und auch visuell sehr stark ist! Ralph Rugoff hat, anders als seine Vorgänger, kein dezidiertes Thema für seine Hauptausstellung ausgegeben. Die Kunst soll für sich selbst sprechen, sagt er. Und das funktioniert!
Es gibt auffallend viel figürliche Malerei, Videokunst und Fotografie. Und wenn man Menschen oder Figuren sieht - da können die noch so rätselhaft sein – dann können die meisten schon mal was damit anfangen. Denn man kann ihre Haltung, ihr Handeln, interpretieren. Und vieles versteht man auch einfach sehr schnell, weil es auf einer symbolischen Ebene arbeitet: ob ein in der Mitte durchgesägtes Sportmotorrad, Stahlträger, die rosa-schlaff da liegen, oder große Köpfe, 'Skulpturen der Macht', von hässlich-grausamen Despoten und dummdreist wirkenden Königen mit billiger Aluminium-Krone und Knubbelnase. Also vieles ist sofort eingängig. Aber man kann den meisten Arbeiten auch noch weitere, tiefere Schichten an Bedeutung abgewinnen, wenn man sich die Zeit nimmt und in die Auseinandersetzung geht. Das ist im besten Sinne Kunst! Kunst, die sich einem als Betrachter nach und nach entblättert."

Worum geht es auf der diesjährigen Biennale, was sind die voherrschenden Themen?

Tanja Küchle: "Migration, Klima-Erwärmung, das Hinterfragen von Ordnungen: ob politische oder gesellschaftliche, ob Klischees von Gender, Armut, Rasse oder Nationalität. Während woanders mühsam gefordert wird: wir zeigen genauso viele Frauen wie Männer, wir zeigen gleichberechtigt afrikanische, südamerikanische, asiatische Kunst -  gelingt das Rugoff hier mit leichter Hand. Das ist sehr angenehm. Aber gleichzeitig ist diese Kunst auch sehr unangenehm: Viele Arbeiten sind düster, sagen uns eine Zukunft voraus, in der zwar der Planet überleben wird, aber die Menschheit nicht. Und damit taugt diese Kunst der Gegenwart absolut nicht als Trostspender! Da bleibt etwas Beunruhigendes, wie ein Stachel im Fleisch des Besuchers zurück. Und das macht diese Venedig-Biennale extrem sehenswert!"

Highlights:
Die Hauptausstellung von Ralph Rugoff. Und nochmal die Hauptausstellung!
Der luxemburgische Pavillon. Flucht über's Mittelmeer, Homers Odysse, Migration, schmerzhaft, poetisch, ohne Worte.
Der türkische Pavillon. Bietet surreal-beklemmende Videoarbeiten.
Der verrückte Oktopus-Film von Laure Prouvost im französischen Pavillon. Eintauchen in den Kaninchenbau.
Der ukrainische Pavillon, obwohl es da gar keine Kunst zu sehen gibt.
Und der philippinische Pavillon. Weil er einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Absolut krass!

documenta in Kassel vs. Biennale in Venedig:
Die documenta ist die Siegerin der Herzen bei wahren Kunstfans. Vor allem bei hessischen.
Die Venedig-Biennale erspart einem die langen Laufwege und lässt einem dadurch mehr Puste und Energie für die Kunst. Außerdem hat Venedig diese vielen Brücken - und das Wasser. Leider unschlagbar, vor allem im Sommer.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 3.6.2019, 16:45 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit