Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Als würde man eine andere Welt betreten, eine ganz fantasievolle, voller Geschichten und Bilder!"

Installationsansicht Hélène Delprat. WITH MY VOICE I'M CALLING YOU Kunsthalle Gießen, 2020

Die französische Künstlerin Hélène Delprat ist keine Unbekannte, ihre Werke sind in etlichen renommierten Sammlungen vertreten. In Deutschland ist das ihre erste Einzelausstellung, unter dem Titel "With my voice I'm calling you", "Meine Stimme ruft Dich". Was ist zu sehen?

In dieser theatralen Gesamtinstallation fällt der Blick zuerst auf eine Wand im Raum. Mit einem Tor, an den Seiten hängen überlebensgroße Ritter oder Wächter, schwarz und scherenschnittartig. Der Durchgang ist mit großen schwarzen Zacken versehen. Auf einer anderen Wand hängt ein riesiger Schwarzweiß-Druck aus einer Filmszene des amerikanischen Regisseurs Joseph Mankiewicz, eine Frau vor einem Treppenaufgang, die Treppe wirft expressionistische Schatten und davor wiederum hat Hélène Delprat eine weiße Treppe gebaut, die aber ins Nichts führt. Man sieht ihre großformatige Malerei und immer wieder Säulen aus Styropor, darauf stecken ausgeschnittene Blümchen. Es gibt auch Videoarbeiten - also, Hélène Delprat arbeitet mit allen Medien und zitiert aus Film, Literatur, Kunstgeschichte und Popkultur - und es ist bemerkenswert, wie sich das alles zu einem Ganzen zusammenfügt in dem 400 Quadratmeter großen Raum der Kunsthalle.

Hélène Delprat: Rideau de scène d'un opéra détruit, 2019

 

Also eine Art Weltschau, ein künstlerisches Weltpanorama aus Installationen, Plastiken und Malerei?

Ja. Hélène Delprat hat in einem Interview gesagt, sie würde am liebsten so minimalistisch arbeiten wie Barnett Newmann, aber in ihrer Arbeit würde sie immer alles überladen, sie müsse übertreiben und könne das nicht anders. Da steckt natürlich jede Menge Selbstironie drin. Sie selbst hat als junge Malerin in den 1980er Jahren schon früh Erfolg gehabt, dann hat sie sich aber  zurückgezogen und hat Radiokunst und Videos gemacht. Sie hat Bilder gesammelt, aus Kunstarchiven und aus der Popkultur, und auch Texte, manchmal auch nur Sätze, die sie in der U-Bahn aufgeschnappt hat. Und mit diesem Material arbeitet sie. Sie zitiert, aber man muss diese Bezüge nicht unbedingt kennen. Sie arbeitet  mit Erinnerungen, Bildern und Geschichten, die uns ja alle durchdringen, manchmal gar nicht bewusst - und kreiert sowas wie ihr eigenes Universum.

Installationsansicht Hélène Delprat. WITH MY VOICE I'M CALLING YOU Kunsthalle Gießen, 2020

Was hat der Titel der Ausstellung „With my voice l'm calling you“ zu bedeuten?

Auch das ist ein Zitat, die Zeile aus einem Lied von Nick Cave, das er für seinen  Sohn geschrieben hat, der mit 15 Jahren tödlich verunglückt ist. Hélène Delprat ruft mit ihrer Stimme Künstler und Künstlerinnen, Schriftsteller*innen, die wichtig für sie sind, sie nimmt Kontakt auf zu den Toten, zu Vergangenem, zur Geschichte, die aber immer noch da ist. Und all das, Erinnerungen, Kunst- und Popgeschichte, Literatur, das eignet sie sich an und zeigt mit ihrer Kunst eine ganze Welt, irgendwie auch stellvertretend für uns, für ihr Publikum, ein komprimiertes Bild von Welt, von Leben und Identität, in aller Komplexität. Sie erzählt Geschichten.

Hélène Delprat: He hates his paintings, 2019

Welche Geschichten sind das?

In einer Videoarbeit, die mich sehr beeindruckt hat, zeigt sie Filmausschnitte aus der Psychatrie der 1940er Jahre: Schizophrene Menschen, die Masken tragen und sich ganz exaltiert bewegen. Darunter hat sie einen Kamin aus Styropor installiert - ein Symbol für Gemütlichkeit - darin bewegen sich Papierflammen durch einen Luftzug, und auf dem Kaminsims stehen zwei Figuren aus einem satirischen Roman von Gustave Flaubert. Darin steckt Erschreckendes und gleichzeitig Skurriles und Humorvolles.

Installationsansicht Hélène Delprat. WITH MY VOICE I'M CALLING YOU Kunsthalle Gießen, 2020

Und arbeitet sie so auch in ihrer Malerei?

Ja, auch da verwendet sie Bilder, die sie gefunden hat, die sie interessieren. Man sieht wieder lächelnde Blümchen, einen kleinen Comic-Hund, dann Adolf Hitler, einen Racheengel oder Märchenhaftes wie einen Baum mit Augen, alles miteinander verwoben. Ihre Malerei ist sehr dicht, sie spachtelt, sprüht und übermalt, in vielen Schichten - überwiegend in naturverwandten Farben. Ein Bild, das sie im vergangenen Jahr gemalt ist riesengroß, 7,50 lang und es wimmelt darauf von Details, die man erst nach und nach entdeckt. Und wenn man das Bild aus der Ferne betrachtet, sieht man ganz andere Dinge, kompositorische Formen.

Weitere Informationen

Hélène Delprat: With my voice I'm calling you

Kunsthalle Gießen
Berliner Platz 1
verlängert bis 31. Juli

Bitte beachten Sie die veränderten Öffnungszeiten:
Di–Fr: 14–18 Uhr (Eingang über Glastür, neben Haupteingang)
Sa + So: 10–18 Uhr (Eingang über Drehtür Rathaus)

Ende der weiteren Informationen

Klingt überbordend und vielschichtig. Mit welchen Gefühlen geht man raus?

Hélène Delprat: My new job, 2007

Es kam mir schon so vor, als würde ich eine andere Welt betreten, eine ganz fantasievolle, voller Geschichten und Bildern, die einen Widerhall in mir gefunden haben. Hélène Delprat hat die Kunsthalle Gießen übrigens zu ihrem eigenen autonomen Territorium erklärt. Zu ihrem temporären Hoheitsgebiet, das hat sie mit einer Fahne markiert, die steckt an einer Wand. Auf die Fahne ist ein orangefarbenes Raster gedruckt und dieses Rastermuster taucht im gesamten Raum immer wieder auf, an den Wänden und auf dem Boden. Und das hält ihre Arbeiten in der Ausstellung auch zusammen. Also, da herrscht kein Chaos, sondern eine ganz angenehme und sogar eine sehr klare Atmosphäre, in dieser verdichteten Welt. Ich finde das wirklich eine ganz bemerkenswerte künstlerische Position!

Die Fragen stellte Anna Engel
Sendung: hr2-kultur, 6.7.2020, 7:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit