Cover Hejlskov Eine Familie zieht in den Wald
Der erlebte und beschriebene Wahnsinn eines mittelschwedischen Herbstes Bild © mairisch.de

Die Sehnsucht nach Natur treibt den Stadtmenschen hinaus. Spaziergänge am Sonntag, Skifahren, Wanderungen, mitunter auch Camping - Hauptsache schön grün soll das Erlebnis sein. Jetzt berichtet eine Frau von einem Ausflug auf Dauer.

Das ist der authentische Bericht über eine erlebte Geschichte, die dänische Familie ist vor Jahren nach Schweden gezogen, hat ein Grundstück gepachtet oder besser: erschnorrt – und zwar dort, wo es vom Breitengrad her schon ungemütlich wird: Etwa auf der Höhe von Oslo, 300 Kilometer östlich. Sehr einsam, sehr schön, sehr waldreich, ab August schon sehr kalt. Warum? Weil man die Miete in Kopenhagen nicht mehr bezahlen kann, weil der Job einen annervt, weil die pubertierenden Kinder nur noch aufs Smartphone glotzen, weil die Ehe kriselt, weil die Natur immer schon Fluchtort war, weil man jung ist und naiv.

Andrea Hejlskov
Andrea Hejlskov in ihrer Familien-Hütte Bild © mairisch.de

Andrea Hejlskov beschreibt, wie alle Familienmitglieder jeweils für sich auf sich selbst zurückgeworfen werden, Erwachsene Kinder von 2 bis 15. Wie klappen Zusammenhalt, Solidarität, Verlässlichkeit, wie geht man um mit Hunger, Einsamkeit – und wie sie damit umghehen, das erzählt dieses Buch, schonungslos, sehr offen, man friert mit. Andra Hejlskov hat die Wohnung gekündigt, ihren Job als Coach und Psychologin,hat alle  Ausweise verbrannt, Konservendosen eingekauft und sie hatte – mit Verlaub – keine Ahnung, wie man Bäume fällt, Wölfe fernhält, eine Hütte baut, ein Feuer macht, Pilze erkennt, Beeren konserviert, sehr sehr wenig Ahnung. Sie fahren in den Wald, mit drei Kindern, mit einem uralten Auto ohne Vierradantrieb, sie besitzen keine Axt, sie machen in ihrem Verschlag Feuer ohne Ofen, also sind schlecht bis gar nicht organisiert – und sind dann vor Ort oft ratlos und auf fremde Hilfe angewiesen. Und dann wird’s manchmal auch richtig unheimlich.

Weitere Informationen

Andrea Hejlskov: Wir hier draußen. Eine Familie zieht in den Wald

Aus dem Dänischen übersetzt von Roberta Schneider
mairisch Verlag
20 Euro

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Fazit

Andrea Hejlskov
Eine Hütte, eine Familie und ganz viel Neues Bild © mairisch.de

Die Flucht in die Natur ist in diesem Fall eine Flucht vor sich selbst gewesen. Dem Wahnsinn  in der Stadt kann man nicht entgehen, indem man sich dem Wahnsinn eines mittelschwedischen Herbstes aussetzt, in dem man fast erfriert, weil man vor lauter Streit und Naivität das große Blockhaus nicht fertig bekommen hat. Man lernt mit diesem Buch, wie Familie funktioniert, was Nähe ist. Das beschreibt Andrea Hejlskov sehr intim, fast brutal. Das sie vielleicht vorher schon etwas am Rad gedreht hat, mag sein, dort oben hat sie es allemal. Umso spannender, ihr dabei zuzuschauen. Sehr lesbar, sehr formenreich geschrieben, die Phantasie des Lesers blüht, man ist fast solidarisch und denkt: Muss ich mir eigentlich jeden Tag die Haare waschen, was soll das? Oder brauche ich ein schnelles Auto, einen Riesenfernseher, immer das neueste Smartphone? Was ich brauche, ist nur eine Axt zum Überleben. Und Liebe und Solidarität zu meinen Mitmenschen.

Vorgestellt von Alf Haubitz

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 21.1.2018, 11:00 Uhr

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