Buchcover Tomaten
Umfangreiche Recherche einer Niederländerin: Tomaten Bild © be.bra Verlag

Die roten Früchte gelten als gesund, vitaminreich und haben ihr schlechtes Image längst abgeschüttelt. Jetzt hat eine Niederländerin ein Buch über DEN Exportschlager ihres eigenen Landes geschrieben, eine sehr lange Reportage. Was erfahren wir?

Im Supermarkt herrscht große Auswahl, in unseren Gärten gedeihen sie recht und schlecht – und die wenigsten sind richtig lecker und schmecken nach Tomate. Annemieke Hendricks hat sieben Jahre lang recherchiert, und schilderet das Wesen der Tomate so umfassend und ernüchternd, dass es einem den Appetit verderben kann, zumindest was Tomaten aus dem Supermarkt oder vom nicht-regionalen Wochenmarkt angeht: Die Tomate ist ein perfekt auf Hochleistung gezüchtetes, wirtschaftlich absolut auf die Spitze getriebenes, von Subventionen gepäppeltes und für viel Reichtum und für viel Elend in Europa verantwortliches Stück Natur.

Spanische Tomaten
Spanische Tomaten mit deutlich sichtbaren Spritzmittelresten, gekauft bei REWE Bild © hr/Haubitz

Sie ist viel gereist, hat mit vielen gesprochen, die Tomaten anbauen: Mit den industriellen Bauern im niederländischen Westland, die Hunderte von Millionen Euro umsetzen; mit den Gewächshausfabrikanten, die in alle Welt ihre Technologie liefern; mit Landwirten in Ungarn und Polen, die auch Gemüse anbauen, aber kaum Erfolg haben, weil die Märkte dort mit billigster Ware aus den Niederlanden überschwemmt werden – und mit Menschen aus dem Oderbruch östlich von Berlien, die nach der Wende durchstarten wollten mit dem Gemüseanbau - und keine Chance hatten gegen die hoch bezuschusste niederländische Konkurrenz, unter anderem auch, weil ihr die Treuhand den Boden unterm Hintern wegverkauft hat.

Gesund ist die Tomate nur deshalb, weil man nichts ungesundes mehr in den Magen hineinbekommt, wenn schon viele Tomaten drin sind. Auf deutsch: Es stecken kaum Vitamine drin, die angeblich so krebshemmenden Farbstoffe und das berühmte Lycopin haben keine Wirkung, die wissenschaftlich belastbar nachgewiesen wurde.  Kurzum: Die industriell hergestellte Tomate von heute ist blitzsauber, weitgehend frei von Schadstoffen - und ein Geldbringer vorallem für niederländische Samenzüchter und Gewächshausbetreiber.

Weitere Informationen

Annemieke Hendricks: Tomaten - Die wahre Identität unseres Frischgemüses

288 Seiten, 65 Abb.
be.bra Verlag
18 Euro

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Fazit

Annemieke Hendricks hat sehr gründlich recherchiert, der Untertitel ihres Buchs beschreibt den Auftrag, den sie sich selbst gegeben hat und für den sie zahlreiche Stipendien bekommen hat: Die wahre Identität unseres Frischgemüses herauszufinden. Ein spannendes Buch, es geht immer weiter und weiter mit Fakten und Zahlen. Man wünschte sich eine strukturiertere Herangehensweise, also die genauere Trennung von Samenzucht, Anbau, Vermarktung, Kundenmanipulation, denn der Journalistin Hendricks gerät das sehr oft sehr durcheineinander, sie kommt von Hölzchen aufs Stöckchen. Von Tabellen hat sie leider völlig Abstand genommen, das erschwert die Übersichtlichkeit. Insgesamt ist das Buch ein Gewinn, Augen auf beim Tomatenkauf!

Vorgestellt von Alf Haubitz

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 23.9.2018, 11 Uhr

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