Thommie Bayer: Das innere Ausland (Roman)
Thommie Bayers Buch tröstet wie ein guter Song: Das innere Ausland Bild © Piper

Thommie Bayer ist der Wanderer zwischen den Künsten: Malerei hat er studiert, war Liedermacher, bevor er 1984 mit Schreiben begann. Sein Roman "Eine kurze Geschichte vom Glück" war für den Deutschen Buchpreis nominiert, der der Verlag warb mit Stichwörtern wie "Affäre", "Erotik", "Italien" und "unerfüllte Liebe". Gilt das auch für "Das innere Ausland"?

Thommie Bayer hat seinen literarischen Sound vor geraumer Zeit gefunden; Diesen immer wiederkehrenden melancholischen Grundton, mit dem seine Figuren ihr verlorenes Lebensglück suchen, den wird er auch nicht mehr ändern - aber innerhalb des gewohnten Themenspektrums gelingen ihm in "Das innere Ausland“  dann aber doch ein paar hübsche Variationen und Akzentverschiebungen. Die Motive Erotik, unerfüllte Liebe treten zurück. Italien wird durch Frankreich ersetzt und das Thema Einsamkeit rückt dafür in den Vordergrund.

Es ist die Einsamkeit eines Mannes, der  feststellen muss, dass er sein Leben verpasst hat. Andreas, so heißt der Ich-Erzähler, ist Mitte 60, der etwas abseits der Zentren in einem Haus in der Provence lebt. Er hat gerade seine etwas jüngere Schwester, mit der er zusammen wohnte, infolge einer Krebserkrankung, die sie ihm verheimlichte, verloren - der einzige Mensch mit dem er eine enge seelische Verbindung hatte. Und wir lernen ihn als Mann kennen, der auf dem Weg ist, sich von jedem aktiven sozialen Leben völlig zu isolieren. Er schaut  zudem zurück auf ein Berufsleben als Schlafwagenschaffner, das auch nicht das hielt, was er sich an Abenteuerromantik versprach. Und just in dieser Tristesse, in die er sich auch sehr bewusst eingerichtet hat, klingelt eine Frau an seiner Haustür und behauptet, die Tochter seiner Schwester Nina zu sein. Eine Frau, von der er nichts wusste, die aber auch bis vor kurzem nichts von ihm wusste, die überhaupt sehr wenig wusste von ihrer Herkunft. Und damit kommt die Geschichte ins Laufen von zwei aus dem Leben gefallenen Menschen.

Bayer verzichtet auf das erotische Abenteuer

Das muss man Thommie Bayer zugute halten, dass er diese aufkeimenden Erwartung (oder Befürchtung) ins Leere laufen lässt. Es gibt keine verbotene erotische Annäherung zwischen Onkel und Nichte, keine Liaison älterer Mann junge Frau. Bayer macht nicht den Walser, sondern erzählt eine andere Geschichte. Eine Geschichte, die durchaus ihre Spannung aus der Frage zieht, was sich  denn da nun zwischen den beiden entwickelt. Es ist mal wieder eine Beziehungsgeschichte, aber weil sie sich nicht im Spannungsfeld des amourös-partnerschaftlichen, sondern des geschwisterlich-familiär-freundschaftlichen abspielt, hat das Buch einen sehr originellen Anstrich.

Fazit: Dieses Buch tröstet wie ein guter Song

Auch das "Innere Ausland" ist keine hohe Literatur, die strebt Thommie Bayer auch nicht an. Es ist kein Roman, der jetzt mit großen Erkenntnissen und Weltdeutungen den Leser aus dem Sattel hebt. Was ich bei Thommie Bayer und auch bei diesem Roman wieder schätze, ist diese eigentümliche Stimmung tröstlicher Geborgenheit, die er mit ganz einfachen Sätzen zu schaffen versteht. Dieser speziellen Sound kennzeichnet seine Romane, durchaus mit Absicht.  Er schreibt Romane, die gute Song daherkommen: Man schwingt mit, weil da etwas berührt. Die Wirkung seiner Geschichten ist bei mir nie lange anhaltend, aber für die Zeit, in der man sich darauf einlässt, so gut, dass ich sie als bereichernd empfinde.

Vorgestellt von Martin Maria Schwarz

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 13.8.2018, 8:30 Uhr

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