Cover Heinrich Steinfest Die Büglerin
Heinrich Steinfests neuer Roman besticht durch seine Märchenhaftigkeit Bild © Piper

So witzig und schnell die Krimis von Heinrich Steinfest bisher waren, so intensiv und langsam ist dieser Roman. Die durchdachte Geschichte über eine gar nicht heldenhafte Heldin, die nach (ihrer?) Schuld sucht, ist eine atemberaubende Lektüre mit einer wirklich winzigen Prise Esoterik, dem Salz in dieser Suppe!

Tonia wächst auf einem Segelboot auf, liebt Wasser und Whiskey - und verzichtet trotz Begabung auf eine akademische Karriere. Sie verspeist keine Meeresbewohner, trägt nur schwarz, hat nichts mit Männern, verzichtet nach einem Schicksalsschlag mehrfach auf sehr viel Geld und bügelt fortan fremder Leute Kleidung. Wofür bestraft sie sich? Und kommt sie am Ende hinter ein Geheimnis, das irgend etwas mit Malewitschs Schwarzem Quadrat zu tun hat?

Kein Krimi, ein grausam schönes Märchen

Heinrich Steinfest spannt einen Kosmos voller Gefühle auf: er lässt uns tief in die Gemütszustände seiner unnahbaren Heldin und der Nebendarsteller blicken, schildert virtuos scheinbare Kleinigkeiten und erfindet eine Story, die filmreif ist. Er schweift oft ab, geht den Ästen seiner enorm phantasiereichen Geschichte nach, so lange bis es fast wehtut vor Detailreichtum und komplizierten Gedankenlabyrinthen und schafft einen Schluss, der mit "offenes Ende" nur unzureichend bezeichnet ist: Tonias Leben ist nach 287 Seiten komplett - und mit ihm ein Roman, der kein Krimi, sondern ein Märchen ist: Rätselhaft, grausam, schön, voller ausgefeilter Charaktere.

Weitere Informationen

Heinrich Steinfest: Die Büglerin

Piper
278 Seiten
20 Euro

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Steinfests präzise Sprache, die in atemberaubend kaskadierenden, abgedrehten und doch immer stimmigen Passagen schwindelig macht, erfreut seit Jahren seine Fans. Was Steinfest bisweilen nicht immer gelungen ist, nämlich eine durchweg logische Geschichte zu bauen, meistert er hier mit Bravour, wir nehmen ihm seine abenteuerliche Konstruktionen gern ab. Dass diese Story in höchstem Maße unwahrscheinlich ist, dass sich hier Menschen treffen, die der Zufall aufeinander zu getrieben hat, das glauben wir, denn es ist Steinfest in Reinkultur.

Fazit

Der Meister des hintergründigen Humors und der aberwitzigen Geschichten hat mit seiner "Büglerin" eine Figur geschaffen, die die Seelenabgründe in jedem von uns zum Vorschein bringt. Ob man will oder nicht vergleicht man sich mit Tonia, leidet mit ihr, zweifelt an der Gerechtigkeit der Welt und merkt, dass es immer ein wenig Hoffnung gibt. Heinrich Steinfest ist in Hochform, lässt seiner Lust am weitscheifigen Formulieren freien Lauf. Im Gegensatz zum Kollegen Coelho driftet er nicht in esoterische Schwurbelei ab, sondern fragt ganz ernsthaft, ob es nicht doch Dinge im Leben gibt, die unerklärlich und an sich schön sind. Wer die frühen, leicht verrückten "Cheng"-Krimis von Steinfest mochte, bekommt hier ein spannendes wie zauberhaftes Buch, das ebenso verwirrend ist, aber ohne Sarkasmus auskommt, sondern ernsthaft, klug, konzentriert und voller Andeutungen geschrieben ist.

Vorgestellt von Alf Haubitz

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 2.3.2018, 08:30 Uhr

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