Michael Kumpfmüller: Tage mit Ora
"Total modern": Michael Kumpfmüllers "Tage mit Ora" Bild © KiWi

Der 1961 in München geborene Schriftsteller probiert mit jedem neuen Roman auch ein neues Genre aus. Ob Schelmenroman oder dokumentarische Geschichte, politischer Roman oder Liebesgeschichte – Kumpfmüller beherrscht alle literarischen Töne und Formen. Jetzt lässt er zwei Leute reisen, die kein Liebespaar sind, miteinander. Und folgen einer Route, die ein Song vorgibt.

Eine Frau und ein Mann – beide Experten in Liebeskatastrophen – beschließen, gemeinsam zu verreisen. Das Außergewöhnliche daran: Sie kennen sich kaum. Das Einzige, was sie wissen: Sie fühlen sich zueinander hingezogen. Eigentlich kann es mit ihnen nichts werden, aber vielleicht ja doch? Auf einem Roadtrip durch die USA wollen sie es herausfinden. Der Ich-Erzähler ist Soziologe, er ist der Motor der Unternehmung. Ein zugleich reflektierter wie empfindsamer Schwärmer, einer, der bereit ist, viel zu investieren in eine neue Beziehung, sehr geduldig, einfühlsam und verständnisvoll. Er ist einfach glücklich, mit Ora zusammen zu sein.

Sie ist Kunstschneiderin, deutlich komplizierter, eher verschlossen, in gewisser Weise zwanghaft. Dann auch wieder sprühend und mitreißend in ihrer Begeisterung. Eine Frau, die sich nicht so leicht in die Karten gucken und vor allem in keine Schublade schieben lässt. Also zwei Menschen, die ihre eigenen Abgründe kennen und sich vielleicht gerade darum zueinander hingezogen fühlen. Die neugierig genug sind, um dieses Experiment zu wagen.

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Michael Kumpfmüller: Tage mit Ora

Kiepenheuer & Witsch
192 Seiten
Euro 19

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Fazit

"Tage mit Ora" ist keine normale Liebesgeschichte. Das Ende bleibt offen, die ganze Beziehung bleibt in der Schwebe. Michael Kumpfmüller gelingt es, die so schwierige Annäherung zwischen zwei komplizierten Menschen ganz leise und eindringlich festzuhalten. Eine labile Balance herzustellen zwischen Fremdheit und Nähe, Anziehung und Abstoßung. Als Leser sind wir ganz nah dran und doch ein Stück weg, keine Voyeure, sondern staunende Zuschauer. Oberflächlich gesehen ist das eine einfache Geschichte, aber je weiter man liest, desto klarer wird, wie kunstvoll sie geschrieben ist. Ein Roman, der zwar konventionell daherkommt, aber in seiner feinen Fragilität total modern ist.

Vorgestellt von Sylvia Schwab

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 31.8.18, 8:30 Uhr

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