Cover Schattenfroh
Seelenamt und fantastische Collage: "Schattenfroh" Bild © S. Fischer

Michael Lentz hat für seine Erzählung "Muttersterben" 2001 den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen. Sein dritter Roman ist ein Requiem, ein Seelenamt für den verstorbenen Vater. Die Totenmesse in Romanform gilt zum einen seinem wirklichen Vater, der im Jahr 2014 verstarb, zum andern der Fiktion eines Vaters, der in der literarischen Welt neu erschaffen wird. Somit ist es auch ein Roman über den Tod aller Väter und aller Menschen.

Der Roman erzählt von einem Ich-Erzähler mit Namen Niemand, der, in einer Schreibzelle gefangen, von einer Figur namens Schattenfroh zum Schreiben eines Buches mit dem Titel "Schattenfroh" gezwungen wird. Ist Schattenfroh real, ist Schattenfroh eine Projektion seiner Innerlichkeit? Schattenfroh ist alles: Eine Teufels-, eine Gott- und eine Vaterfigur, und der von ihm auferlegte Schreibzwang veranlasst Niemand jenes epische Buch zu verfassen, das wir als Leserinnen und Leser in Händen halten dürfen.

Vater, Väter, Figuren, Rollen

Über die Beschäftigung mit dem katholischen Vater schlingt sich Niemands Buch etwa 500 Jahre Geistesgeschichte ein, verweist reichhaltig auf literarische, philosophische und religionsgeschichtliche Texte und Kontexte. Mit Hilfe seiner Imagination und seiner Fiktion wird die erzählte Welt Niemands zu einer räumlichen Sphäre, die er durchwanden kann wie ein Zimmer.

Michael Lentz
Michael Lentz Bild © BR

Er reist in seine Kindheit, in die Enge der familiären Verhältnisse, begegnet seinem toten Vater, seiner toten Mutter, doch er reist noch weiter, immer weiter hinab in die Vergangenheit seiner Heimatstadt zur Zeit der Reformationskriege, in die Renaissance des Buchdrucks, und er durchwandert auch eine Reihe von exakt und wundervoll beschriebenen Kunstwerken, wie die Höllenvisionen von Hieronymus Bosch oder die fantastischen Collagen von Ror Wolf. Der Schatten, der im Titel und in der Figur enthalten ist, ist der ewige, dunkle Begleiter des Lebens, der Tod.

Doch wie in durch den Roman angespielten Texten von Hans Christian Andersen oder Adelbert von Chamisso, markiert der Schatten auch das Leben. Nur die Lebenden werfen Schatten – wer seinen Schatten verspielt oder verkauft, ist dem Tode geweiht.

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Schattenfroh

S. Fischer Verlag
1008 Seiten
Euro 36

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Fazit

Bis in jedes Detail seiner ausgeklügelten Form hinein ist dieses Buch ein einzigartiges Anschreien und Anschreiben gegen den Tod, eine Suche nach der Frage, ob das Schreiben Rettung und Therapie, Trauer oder Trost sein kann. Ist das Ende eines Buches ein kleines Sterben, so ist der Aufschub des Endes das Überleben durch die Literatur. Mit seinen über 1.000 Seiten schenkt das Buch vor allem Zeit; man kann in dieser ungeheuer weiten und reichhaltigen Welt des Romans sehr lange und sehr glücklich leben. Das existenzielle Sujet ist mit Nachdruck, mit ungeheurer Wortgewalt und mit Lentzens gewohntem schwarzen Humor erzählt, und das kunstvolle Spielen mit den Formen geht bis in die typografisch raffinierte Ausgestaltung eines der großen Romane unserer bisherigen Gegenwart.

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Hörspiel von Michael Lentz

Für den Bayerischen Rundfunk hat Michael Lentz ein Hörspiel gemacht: "Diktate" können Sie hier hören

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Vorgestellt von Jan Wilm

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 29.8.2018, 8:30 Uhr

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