Podcast Michel Houellebecq: Serotonin

Michel Houellebecq: Serotonin

Wie fast jeder Roman des französischen Skandalautors so wurde auch dieser vorab heiß diskutiert. „Prophet der Gelbwesten“ war da nur eine der Schlagzeilen – und Houellebecq wird den Erwartungen gerecht. Er hat wieder ein Buch zur Zeit vorgelegt, über das viel debattiert werden dürfte.

Die Hauptfigur, der Ich-Erzähler Florent-Claude Labrouste, ist Angestellter im Landwirtschaftsministerium, Mitte 40, und verlässt seine japanische Frau, weil er Videos entdeckt, auf denen sie mit (diplomatisch gesprochen) ungewöhnlichen Sexpraktiken beschäftigt ist. Auch sonst geht es mit ihm bergab – das Studium war noch schön, danach begann das Elend.

Im zweiten Teil des Romans führt der Weg dann in die französische Provinz, zu den Milchbauern in die Normandie. Hier beschreibt Houellebecq kompetent (immerhin ist er diplomierter Landwirtschaftsingenieur), wie Frust und Wut anwachsen und ein globalisiertes, neoliberales System die Menschen auszehrt und erschöpft – solange, bis sie die Gewehre aus dem Schrank holen und alles explodiert.

Manches an „Serotonin“, vor allem im ersten Teil, ist routinierte Houellebecq-Masche: Die Depression der Kleinbürger, Sex als Kampfsport. Das wirkt mittlerweile stereotyp – doch nachdem der Autor seine Standards abgearbeitet hat, wird der Roman richtig gut.

Zum Gefrieren kalt und präzise wird hier beschrieben, wie ein permanenter Krisenmodus, bei den Bürgern in der Normandie oder in Paris, die Menschen psychisch wie körperlich fertig macht. Das Psychogramm der Hauptfigur, der nur mit Psychopharmaka („Serotonin“) seinen Alltag einigermaßen regeln kann, ist verstörend gut beschrieben.

Fazit

Hier ist Houellebecq nicht der Skandalautor, der auch gerne mit wirren politischen Statement von sich reden macht, sondern ein genauer Beobachter, der seine Zeit in Sprache und Literatur übersetzen kann.

Michel Houllebecq: Serotonin
Übers.: Stephan Kleiner
DuMont Buchverlag 2019
Preis: 24 Euro

hr2-Kulturfrühstück, 7.1.2019, 8.30 Uhr

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