Buchcover Pascale Kramer: Autopsie des Vaters
Bild © Rotpunktverlag

Die in Paris lebende Schweizer Autorin Pascal Kramer gilt als Autorin der Zwischentöne und des beredten Schweigen. Die Beziehung zwischen Vater und Tochter erzählt sie in ihrem Buch "Autopsie des Vater" fast ausschließlich aus der Perspektive der Tochter und im Rückblick.

Inhalt:
Es ist ein schwieriges Verhältnis zwischen Vater und Tochter: Der Vater, ein ehemals linker Radiojournalist, hat die Tochter alleine großgezogen. Überfordert  nach dem Tod seiner Frau, hat Gabriel lange keine neue Beziehung eingehen wollen. Die Tochter, Ania, ist ihm im Laufe des Erwachsenwerdens immer fremder geworden. Ania hat sich nicht zur Intellektuellen entwickelt, war ein Kind mit Lernproblemen, das die Schule auch mit Nachhilfelehrer nicht geschafft hat. Die Distanz vergrößert sich, als Ania sich in einen Muslim verliebt und selbst Mutter wird. Pascal Kramers Roman "Autopsie des Vaters" beginnt mit einem Besuch beim Vater. Tochter und der inzwischen 6jährige  Enkel besuchen  nach einer langen Zeit der Distanz wieder einmal Gabriel in seinem Haus.  Ania merkt wieder einmal, wie schnell alte, vergessen geglaubte  Verletzungen wieder aufbrechen. Und dass Besuche beim Vater nichts erfreuliches sind. Es soll die letzte Begegnung sein: Am Abend begeht Gabriel Selbstmord.

Audiobeitrag
Buchcover Pascale Kramer: Autopsie des Vaters

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ursula May über das neue Buch von Pascale Kramer

Ende des Audiobeitrags

Ein Abriften nach rechts
Im Roman geht es auch um die "traditioneller gewordenen Ansichten" des Vaters, die in Wirklichkeit für einen heftigen Ruck nach rechts stehen. Gabriel hatte sich einst als linker Intellektueller verstanden. Nach der brutalen Ermordung eines Migranten durch zwei junge Männer seines Dorfes zeigte er Verständnis für die Täter, verteidigte sie sogar. Ein Skandal, mit dem er sich ins gesellschaftliche Abseits stellt und der ihn schließlich seinen Job als Radioredakteur kostet. Für die Autorin Pascale Kramer war das Thema auch deswegen interessant, weil in Frankreich viele einstige linke Intellektuelle nach rechts abgedriftet sind, der multikulturellen Gesellschaft eine Absage erteilt haben.

Weitere Informationen

Pascale Kramer: Autopsie des Vaters

Übersetzerin: Andrea Spingler
Rotpunktverlag
176 Seiten
22,- Euro

Ende der weiteren Informationen

Fazit

Pascale Kramer seziert in "Autopsie des Vaters" ein Land im Kippzustand. Sie zeigt eine in sich zerrissene, verunsicherte Gesellschaft, die sich schwer tut mit eigenen Ängsten, Abschottung und immanenter Gewalt. Sie zeigt aber auch eindringlich, dass die Isolation, das Verweigern von Kommunikation kein Ausweg ist. Pascal Kramer verhandelt auch noch ein anderes großes Thema in ihrem Roman: Wie darf man sich auseinander setzen mit einer solch kontroversen Figur, die ja trotzdem der eigene Vater war. Darf die Tochter trauern? Wie soll sie umgehen mit der Ambivalenz ihrer Gefühle?
Der Blick darauf bleibt nüchtern, ganz und gar unpathetisch. Und so wird es in Pascal Kramers Roman keine nachgetragene Versöhnung geben zwischen Vater und Tochter, aber immerhin eine Annäherung an eine schwierige Auseinandersetzung. Es ist das, was Pascale Kramer so gut kann: die unendlich komplizierten Bande zwischen Menschen zu sezieren.   

Vorgestellt von Ursula May

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 04.01.2018, 08:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit