Paul Theroux: Mutterland
Paul Theroux: Mutterland Bild © HoCa

Paul Theroux ist ein nicht nur ausgesprochen erfolgreicher, sondern auch ein fleißiger Schriftsteller. Über zwei Dutzend Bücher hat er vorgelegt, darunter ungeschminkte und kritische Reiseberichte aus den entlegensten Ecken der Welt. Seine Romane fanden nicht weniger Anklang, drei wurden verfilmt. Alle angereichert mit autobiographischen Details, aber doch klassisch fiktive Geschichten. Das gilt auch für sein jüngstes Werk.

Eigentlich hätte Paul Theroux als Motto das berühmte Zitat von Karl Kraus seinem Roman voranstellen sollen: "Das Wort 'Familienbande' hat einen Beigeschmack von Wahrheit." Genau darum geht es: Um eine Familie, die nach außen hin wie eine perfekte harmonische Einheit wirkt. Hinter verschlossenen Türen aber kämpft jeder gegen jeden, angestachelt von einer Mutter, die die gesamte Familie auf raffinierte Art und Weise tyrannisiert. Das wird besonders schlimm, nachdem ihr Mann gestorben ist. Jetzt regiert sie uneingeschränkt und unangefochten.

Einem bleibt bisweilen der Atem stocken, liest man, mit welcher Heimtücke sie ihre sieben Kinder, zwei Töchter, fünf Söhne, gegeneinander ausspielt und dabei stets die Unschuldige, Unwissende, Harmlose gibt. Was auch immer eines ihrer Kinder ihr anvertraut, sie gibt es sofort an alle anderen weiter: Nie wahrheitsgemäß, immer verdreht, auf den Kopf gestellt. So hetzt sie ihre Kinder aufeinander. Die glauben den Verleumdungen und schlagen kräftig zurück, allerdings nie gegen die wortbrüchige Urheberin der Gerüchte, sondern gegen die vermeintlich böswilligen Geschwister. Erschwert wird die ganze Situation noch dadurch, dass es noch ein achtes Kind gibt, die schon bald nach der Geburt gestorbene Angela. Für sie wird bei jeder Feier extra ein Stuhl freigehalten. Sie ist wie ein Geist stets anwesend. An einer Stelle vergleicht der Erzähler sie mit Pol Pot und Mao, Hitler und Stalin: Unbarmherzig, misstrauisch, rachsüchtig und nachtragend benutzt sie das Prinzip "herrsche und teile" perfekt.

Wie beschreibt Theroux dieses Mutterland?

Eines der Kinder, der mäßig erfolgreiche Schriftsteller Jay, ausgestattet mit einigen autobiographischen Details Therouxs, erzählt die Geschichte seiner Mutter in Ich-Form, d.h. wir sehen die Familie ausschließlich durch seine Augen. Er folgt chrologisch ihrem Älterwerden vom Tod des Vaters bis zu ihrem Ableben mit 102, erinnert aber in Rückblenden immer wieder besonders schockierende Ereignisse aus Kindheit und Jugend. Theroux ist ein Meister der wörtlichen Rede, insbesondere fieser Wortgefechte: Von ordinären Beschimpfungen bis hin zu feinsinnig-ironischen Gemeinheiten. Geradezu genüsslich beschreibt er, wie sich die Geschwister gegenseitig ausspielen lassen, um die Gunst der Mutter buhlen, lügen, betrügen, heucheln.

Immer wenn man glaubt, schlimmer könne es nicht kommen, präsentiert uns Theroux eine weitere Schandtat der Matriarchin. So lang der Roman für dieses Thema mit seinen gut 650 Seiten wirkt, für diese Art des Familienkrieges ist das trotz mancher Wiederholung keineswegs übertrieben. Besonders gelungen sind seine Beschreibungen, wie die Kinder selbst ins Rentenalter kommen, hinfällig werden und es dennoch nicht  werden schaffen, sich von der übergroßen Mutterfigur zu lösen. Sie werden, wie der Autor verblüfft und verzweifelt an sich selbst feststellt, nie erwachsen. Und natürlich geht es auch ums Geld, ums Erbe. Die Auseinandersetzungen werden noch giftiger, als der Erzähler und einer seiner Brüder bei einem Einbruch ins Haus der Mutter entdecken, dass diese einige Kinder mit Geld geradezu überhäuft, während alle anderen leer ausgehen und sie selbst ständig behauptet, keinen Cent zu besitzen - eine von zahllosen Lügen. Doch niemand wagt es, sie damit zu konfrontieren. 

Weitere Informationen

Paul Theroux: Mutterland

aus dem amerikanischen Englisch von Theda Krohm-Linke
Hoffmann und Campe
653 Seiten
28 Euro

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Fazit

Wer so eine Familie hat, der braucht keine Feinde mehr. Einen solch atemberaubenden Familienkrieg hat die Literatur lange nicht gesehen. Der Roman ist wie ein guter Horrorfilm, der die Schrecken ständig steigert, uns das Fürchten lehrt, allerdings keine Erlösung bietet. Bitterböser Humor, der fasziniert, verschreckt, begeistert. Ein rabenschwarzes Lesevergnügen.

Vorgestellt von Johannes Kaiser

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 8.6.2018, 8:30 Uhr

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