Pollatscheks Kanon: Orlando

Das Buch Orlando von Virginia Woolf ist 1928 erschienen und leider genial. Also, so genial, dass es fast weh tut. "Lieber Gott", denkt man, "wenn es dich gibt, bitte lass mich auch mal sowas Geniales machen!" Genau genommen denke ich das.

Es gibt viele gute Gründe "Orlando" nicht zu mögen. Die Autorin, zum Beispiel. Woolf war die Tochter eines großen Intellektuellen: wohlgeboren, enorm gebildet, extrem elitär. Sie manipulierte ihre Schwester. Betrug ihren Ehemann mit einer Freundin. Trotzdem pflegte dieser Ehemann Woolf bis zu ihrem Selbstmord. Für Woolf ging es immer um das eigene Genie. Im Normalfall kann solche Egomanen keiner leiden. Außer sie sind wirklich genial.  Es ist nicht fair aber: Wer genial ist, darf auch ein Scheusal sein.

Rassismus von der schlimmsten Sorte

Dass die Autorin ein geniales Scheusal ist, merkt man "Orlando" übrigens schon auf der ersten Seite an. Am Anfang schlägt nämlich der junge Orlando auf den abgehackten, verschrumpelten Kopf eines Mauren ein. Der Kopf hat die Farbe eines alten Fußballs und ist fransig behaart wie eine Kokosnuss. Rassistischer kann man ein Buch nicht anfangen. Wer auf politische Korrektheit steht, oder naja, grundlegende Menschenwürde, der läuft hier schreiend weg. Ich musste "Orlando" erstmal gegen die Wand werfen, bevor ich es lesen konnte.

Warum ist jetzt aber ausgerechnet "Orlando" genial?

Die Genialität verdankt "Orlando" seinem namensgebenden Helden, denn es handelt sich bei "Orlando" um eine Biografie. Und das Thema des Biografen, schreibt Woolf, ist das Leben - aber was für ein Leben!

Alles beginnt irgendwann um 1580. Orlando ist ein Jüngling, gesegnet mit dem schönsten Paar Beinen, welches jemals einen jungen Adligen von A nach B tragen durfte. Prompt verliebt sich die alte Königen Elizabeth. Als royaler Toyboy macht Orlando einen kometenhaften Aufstieg. Bis er Elizabeth betrügt. Unbekümmert hurt Orlando ein wenig am Hafen rum.

Dann, im Winter, bricht ihm eine schlittschuhlaufende russische Prinzessin das Herz. Enttäuscht wendet sich Orlando der Poesie zu - doch muss schnell erfahren: Das Zeitalter der Literatur ist längst vorbei. Marlowe, Shakespeare, solchen modernen Schund kann doch keiner lesen! Bitter enttäuscht von Prinzessinnen und Poeten, geht Orlando als Botschafter nach Istanbul. Löst eine Revolution aus. Wacht eines morgens auf und:

"Er streckte sich. Er erhob sich. Er stand in völliger Nacktheit vor uns, und während die Trompeten Wahrheit! Wahrheit! Wahrheit! schmettern, bleibt uns keine Wahl, als zu gestehen – er war eine Frau."

Wie kann man so genial sein? Wie kommt man auf die Idee mitten im Buch das Geschlecht des Helden zu wechseln? Und nicht als hohlen Trick. Dieser Geschlechterwechsel macht Orlando erst zum vollen Menschen, gibt ihm, oder ihr, eine Tiefe, von der man beim Lesen gar nicht merkt, dass sie gefehlt hat.

Den Rest des Buches ist Orlando mehr oder minder eine Frau. Erlebt so das 18. und 19. Jahrhundert. Kapituliert vor den Zwängen der Zeit. Heiratet, bekommt ein Kind. Und wird schlussendlich, im 20. Jahrhundert, endlich Schriftstellerin.

Kein Wunder, sie hat ja auch eine Menge zu erzählen! Denn mehr Leben, mehr Menschsein geht nicht. Wer das nicht genial findet, der ist nur neidisch. Andererseits ist Neid auch bei keinem Buch verständlicher, als bei Orlando.

Weitere Folgen von "Pollatscheks Kanon - Weltliteratur zum Mitreden"

Sendung: hr2-kultur, Kulturfühstück, 10.7.2019, 8:30 Uhr

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