Nele Pollatschek

Wer in seinem Leben irgendwie an bürgerliche Halbbildung gekommen ist, kennt die Geschichte vom Trojanischen Krieg. Zumindest hat ja jeder schon mal was vom Trojanischen Pferd gehört. Genau wie vom fast unverwundaren Achilles, mit seiner Achillesferse.

Wenn man jetzt genau weiß, was in der Ilias steht (ohne sie jemals gelesen zu haben) und sie dann auf einmal doch liest dann stellt man eines fest: Die Ilias ist ganz anders. Da gibt es kein Trojanisches Pferd. Und Achilles ist stark, aber nicht unverwundbar. Und kein Mensch interessiert sich für seine Fersen. All das kommt später.

Aber wie ist sie denn nun, die Ilias?

In der Ilias sterben mehr als 250 Männer und natürlich verliert man zwischendurch mal den Überblick. Und doch ist jeder Tod neu und das Töten erschreckend atemberaubend. Für jemanden wie mich, der Krieg wirklich überhaupt nicht gut findet, kann das sehr befremdlich sein.

Fußballgleich: Homer bringt einen in Extase

Die Ilias ist ein Buch der großen Bilder. Etwas kleines unbedeutendes, was nicht mal in allen Übersetzungen vorkommt, schockt mich immer wieder: Da heißt es, als einer erstochen wird, dass die Erde schwarz wurde vor Blut. Klar, griechische Farben sind ein Thema für sich, Homer spricht berühmterweise ja vom "wein-dunklen Meer", aber in der Regel ist Blut auch bei Homer rot.

Farben, Bilder, Gerüche

Wenn Blut aber die Erde schwarz färbt, dann sind es nicht nur ein paar Spritzer. Dann sind es tiefe Lachen, die in der brennenden Mittelmeersonne dunkel werden wie Blutwurst. In solchen Momenten spürt man die Hitze. Man riecht den Gestank der Verwesung. Man hört in der Ferne das tosende Meer. Für einen Moment ist man mittendrin in einem Krieg der Tausende Jahre her ist und wahrscheinlich niemals stattgefunden hat. Und dann denkt man, Lesen ist schon echt krass!

Sendung: hr2-kultur Kulturfrühstück, 8.5.2019, 8:30 Uhr

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