Pollatscheks Kanon: Frankenstein

"Frankenstein" ist eine Geschichte des Scheiterns. Das Buch beginnt mit einem Polarforscher, der versucht den Nordpol zu erreichen. Am Ende muss er aufgeben, um seine Crew am Meutern zu hindern. Die gescheiterte Polarreise bildet den Rahmen für die ganz große Katastrophe, die erstmal als Erfolg erscheint.

"Juchu, ich hab’s geschafft" und dann "Was hab ich getan?"

Genauso geht es Viktor Frankenstein. Frankenstein ist ein junger Naturwissenschaftler und übrigens, egal was die Popkultur behauptet, nicht der Name der Kreatur, die heißt nämlich immer nur Kreatur, Dämon oder Monster. Nachdem Viktor Frankenstein also eine gefühlte Ewigkeit lang versucht, Leben zu erschaffen, ist er endlich erfolgreich und im gleichen Moment total verzweifelt. Und wie Eltern das manchmal so machen, lässt er seine Schöpfung einfach sitzen.

Die Kreatur will doch nur geliebt werden!

Am heftigsten scheitert übrigens die Kreatur selbst. Denn sie will einfach nur geliebt werden. Und das ist gar nicht mal so einfach, vor allem wenn man zweieinhalb Meter groß, hässlich und auch noch untot ist. Immer, wenn die Kreatur Leute zum liebhaben findet, rennen die schreiend davon.

Um sich jetzt also an seinem Schöpfer und der lieblosen Welt zu rächen, fängt die Kreatur an Menschen zu töten. Und zwar nicht etwa Viktor Frankenstein, der ja für das ganze Schlamassel verantwortlich ist, sondern lauter Leute, die dafür wirklich nichts können.

Liebe bekommt er dadurch nicht - oder doch?

Das ist nämlich das wirklich gruselige an Frankensteins Monster: irgendwie kommt man beim Lesen nicht drum rum ihn ein bisschen lieb zu haben. Weil er doch so einsam ist. Und ihn niemand liebhat. Und ihn keiner versteht ... eben jene Gefühle, die man mit 18 mit sich herumträgt. Und vielleicht macht das den Reiz von Frankensteins Monster aus: Er ist der untote Teenager, der wir tief drinnen alle mal waren.

Sendung: hr2-kultur Kulturfrühstück, 12.6.2019, 8:30 Uhr

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