Nele Pollatscheks Kanon: Vonnegut

In Märchen kommt es vor, dass Figuren aus Stroh Gold spinnen sollen. Meistens klappt das nicht, weil die Figuren Müllerskinder und keine Schriftsteller sind. Denn die ehrenwerteste Aufgabe des Schriftstellers ist eben das: Aus Stroh – um nicht ein anderes Wort mit "Sch" zu bemühen – Gold zu machen. In keinem Buch gelingt das besser als in Kurt Vonneguts "Schlachthof 5".

"Schlachthof 5" wurde 1969 veröffentlicht, es wird also gerade 50 – sieht man ihm aber nicht an. Denn "Schlachthof 5" ist zeitlos. Hier schafft Vonnegut das Unglaubliche: Er nimmt den größten Mist der Geschichte und spinnt daraus ein Buch, das mehr wert ist als Gold.

Die Handlung, die Botschaft

Worum geht’s? Irgendwie geht es um einen alternden Schriftsteller, der mit einem Atem wie "Rosen und Senfgas" nachts alte Freunde wachklingelt: "Ich habe manchmal spät nachts diese Krankheit, sie involviert Alkohol und ein Telefon." Der Schriftsteller hat, wie Vonnegut selbst, im Zweiten Weltkrieg für die Amerikaner gekämpft. Und wie Vonnegut selbst hat er in einem Schlachthof den Feuersturm auf Dresden erlebt.  Und er hat einen Kameraden verloren. Nicht etwa an den Feind – also die Deutschen – sondern an die Amerikaner selbst. So geht das. Der Kamerad wird wenige Tage vor Kriegsende hingerichtet, weil er aus den Trümmern von Dresden eine Teekanne mitgenommen hat.

So dämlich ist Krieg. Geführt wird Krieg von Kindern. Deswegen trägt "Schlachthof 5" auch den Untertitel "Der Kinderkreuzzug". Helden kennt der Krieg keine. Nur Tote und gerade-so-Überlebende, die später mit einem Atem wie "Rosen und Senfgas" nachts alte Kameraden wachklingeln. 

Ändern? Akzeptieren!

Und gleichzeitig geht es auch um etwas anderes. Es geht um Billy Pilgrim, der losgelöst ist von der Zeit. Er springt wie zufällig in seinem Leben hin und her. Mal ist er ein Optiker mittleren Alters mit erwachsenen Kindern. Mal ist er ein jugendlicher Kriegsgefangener. Mal sitzt er im Schlachthof 5, während über ihm Dresden brennt. Mal ist er als zwanzigjähriger mit post-traumatischer Störung in einer Nervenanstalt.

Und manchmal ist Billy Pilgrim auf dem fernen Planeten Tralfamadore. Hier wird er mit einer Pornodarstellerin in einem Zoo ausgestellt. Zoowärter sind die Tralfamadorianer, außerirdische Wesen, die zu allen Zeiten gleichzeitig existieren. Weil die Tralfamadorianer weder Zukunft noch Vergangenheit kennen, haben sie auch weder Hoffnung noch Reue. Für sie sind die Dinge einfach. "So it goes", "So geht das", wiederholt Vonnegut Mantra-artig, wenn Menschen sterben. Mehr Reaktion lohnt nicht. Die Dinge, die man nicht ändern kann, muss man akzeptieren.

Kleines Buch aus Gold

"Zu den Dingen, die Billy Pilgrim nicht ändern konnte, gehörten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“, schreibt Vonnegut in "Schlachthof 5". Aus dieser Schicksalsergebenheit lässt sich kein politisches Programm ableiten. Nur ein menschliches. Die Frage ist nicht, sagte Vonnegut einmal, ob Dresden hätte verhindert werden müssen, sondern, wie wir jetzt damit umgehen, dass es passiert ist. Vonnegut ist damit umgegangen indem er "Schlachthof 5" geschrieben hat. Ein kleines Buch, mit kurzen, einfachen Sätzen, was sich keine größere Botschaft erlaubt als: Seid nett zu einander. Sondern: Seid anständig!

"Schlachthof 5" ist ergreifend, so witzig, dass man laut loslacht, bevor einem die Tränen in die Augen schießen. Es ist extrem klug. Vor allem aber, hat es, was nur ganz wenige Bücher haben: Ein Herz aus Gold.

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