Pollatscheks Kanon - Sappho

Ist ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass fast alle sexuellen Orientierungen und Vorlieben nach Schriftstellern benannt sind? Auch wer nicht liest wird also spätestens im Schlafzimmer literarisch. Sadisten stehen beispielsweise in der Tradition des Marquis de Sade. Masochisten sind nach Leopold von Sacher-Masoch benannt, der sich übrigens toll liest, auch für Nicht-Masochisten. Und die Liebe zwischen zwei Frauen ist nach der griechischen Insel Lesbos benannt, zu ehren von Lesbos berühmtester Tocher, der Dichterin Sappho. Ob Sappho jetzt wirklich "lesbisch" war, lässt sich diskutieren. Überhaupt lässt sich Sappho gut diskutieren, weil wir so wenig über sie wissen. Und wo man wenig weiß, werden Diskusionen ja besonders hitzig.

Von der Muse zum Hurenweib

Was wir aber über Sappho wissen ist, dass die alten Griechen sie enorm verehrten. So wie Homer "Der Dichter" war, war Sappho "Die Dichterin". Plato nennt Sappho sogar die zehnte Muse. Selbst Aristoteles, der alte Charmebolzen, schreibt, dass Sappho verehrt wurde, obwohl sie eine Frau war. Mit dem frühen Christentum sinkt Sapphos Stern. Die Kirchenväter mögen das "liebestolle Hurenweib" nicht. Über die Jahrhunderte gehen Sapphos Werke fast vollstending verloren, oft werden sie sogar absichtlich zerstört.

Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt

Recycling sei Dank. Statt teures Papyrus zu vernichten wurde daraus lange eine Art Pappmaché gemacht. Daraus wurden z.B. Buchrücken hergestellt und Mumiensärge. Beim Aufweichen solcher Särge werden manchmal verlorene Gedichte von Sappho gefunden. Als liebestolles Weib verurteilt und als Sargcartonage bewahrt – selten verbinden sich die großen Themen "Liebe und Tod" so wörtlich wie bei Sappho.

Punkt, Punkt, Punkt

Noch heute werden so unbekannte Gedichte von Sappho gefunden, zum Beispiel 2005 in Köln. Wer also Sappho lesen will, sollte unbedingt eine neue Übersetzung kaufen. Aber auch dann sind es nur knapp 250 kurze Fragmente, die immer genau da abzubrechen scheinen wo es richtig los geht und Einen mit ihrem "..." fast um den Verstand bringen:

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Schweißperlen rinnen an mir herab, das Zittern
Erfasst meine Glieder, fahler als Heu
Bin ich: Verstorben – wenig fehlt daran –
Fühl ich mich, Agallis.
Doch lässt sich alles ertragen, denn...

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In solchen Momenten spielt der Zahn der Zeit ein seltsames Spiel mit uns. So wie Sappho sich nach Agallis sehnt, sehne ich mich beim Lesen nach dem verlorenen Satzende. Und diese vermaledeiten drei Punkte frustrieren mich, fast so wie die flirtende Agallis Sappho frustriert.

Und trotzdem lohnt sich die Lektüre

Fragmente reichen, um zu erkennen, was Sappho ausmacht. Bei Sappho spricht, vielleicht zum ersten Mal in der europäischen Literaturgeschichte, ein ICH, ein fühlendes, leidendes Individuum. Es geht nicht um Krieg und Frieden und das Wohl der Gemeinschaft. Hier kämpft ein einzelner Mensch, mit den Problemen des Einzelnen. Mit dem Altern. Oder um einen tunichtguten Bruder. Aber vor allem mit der Liebe. Und gerade weil sie so persönlich klingt, ist sie so universell. Wer jemals frisch verliebt war, wer jemals vor Eifersucht brannte, der versteht Sappho. Sappho erreicht uns an Stellen, die Homer gar nicht kennt. Nämlich genau da, wo es so herrlich schön wehtut.

Sendung: hr2-kultur Kulturfrühstück, 15.5.2019, 8:30 Uhr

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