Boschwitz: Der Reisende
Protokoll jüdischer Selbstreflektion in einer Zeit der Uneindeutigkeiten: Boschwitzs "Reisender" Bild © Klett-Cotta

Ulrich Alexander Boschwitz ist den meisten unbekannt. Kein Wunder, er starb 1942 mit nur 27 Jahren und hatte bis dahin zwei Bücher veröffentlicht. Als das Schiff, das ihn aus dem Internierungslager der Briten in Australien zurück nach Europa bringen sollte, von einem deutschen Torpedo getroffen wurde, ertrank er. Und sein letztes Manuskript mit ihm. "Der Reisende" könnte die Widerentdeckung des Jahres sein.

Boschwitz erzählt vor autobiografischem Hintergrund von einem jüdischen Kaufmann, der in der Folge der November-Progrome von 1938 aus seiner Wohnung flieht und sich fortan im Zug durch Deutschland bewegt. Der Versuch, die Grenze zu überqueren, scheitert und schließlich muss er sich in sein tragisches Schicksal fügen.

Seine Präzision erzeugt Beklemmung

Mit einer Genauigkeit, die selten ist in dieser Zeit, schreibt der nur 23-jährige Boschwitz über das Schicksal eines Juden, dem sein Jüdischsein als Differenz zu den Ariern quasi  aufgezwungen wird. Die Reise ohne Ziel grenzt immer wieder an eine Flucht, dabei ist er Reisende noch kein steckbrieflich gesuchter Mann. Indem Boschwitz ganz nah bei seiner Hauptfigur bleibt, wird die beklemmende Erfahrung unmittelbar spürbar.

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Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende

Klett Cotta
303 Seiten
20 Euro

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Fazit

"Der Reisende" ist weit mehr als ein Zeitdokument des faschistischen Antisemitismus. Ähnlich wie Anna Seghers "Transit" ist der Roman vor allem ein Protokoll jüdischer Selbstreflektion in einer Zeit der Uneindeutigkeiten. Indem Boschwitz zahlreiche oberflächliche Begegnungen schildert, entsteht ein differenziertes Gesellschaftsbild, das den Geschichtsbüchern das persönliche Element hinzufügt. Spannend und bewegend wird hier ein Einzelschicksal universell. Ein Buch für jeden, der die deutsche Geschichte nicht vergessen will.

Vorgestellt von Ulrich Sonnenschein

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 18.6.2018, 8:30 Uhr

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