Vivek Shanbhag: Ghachar Ghochar
Subtile, atemberaubende Familiengeschichte: Vivek Shanbhags "Ghachar Ghochar" Bild © Aufbau

Indische Literatur ist im deutschen Feuilleton nicht unbedingt prominent vertreten. Erst wenn sie ins Englische übersetzt wird, kann sie in und über Indien hinaus entdeckt werden. Eben dies ist nun der Fall bei Vivek Shanbhag, der in der Sprache des Bundesstaates Kanataka schreibt und dort ein erfolgreicher Autor ist. Sein achter Roman ist übersetzt worden, jetzt auch ins Deutsche. Zu Recht?

Alles beginnt sehr ruhig und beschaulich in einem Kaffeehaus, in dem der Erzähler, ein junger Mann, sich stundenlang aufhält, weil er offensichtlich nichts zu tun hat. Rasch begreift man, dass er sich vor den Anforderungen seiner Familie und seiner Frau hierher flüchtet. Dass er sich dieses Nichtstun leisten kann, liegt an seinem Onkel Chikkappa, dem jüngeren Bruder seines Vaters, der vor Jahren sehr erfolgreich in den Gewürzhandel eingestiegen ist. Auch der Erzähler ist völlig von ihm abhängig. Offiziell in der Firma des Onkels als Direktor angestellt, hat er  dort aber nichts zu tun, bekommt jedoch ein großzügiges Gehalt überwiesen.

Doch unter der Oberfläche brodelt es, seitdem der Erzähler geheiratet hat. Seine unabhängige, emanzipierte Frau Anita denkt nicht daran, alles schweigend hinzunehmen, muckt auf, widerspricht, bedroht das häusliche Arrangement. Und damit nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Wie schreibt Vivek Shanbhag?

Zitat
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass alle Mitglieder einer Familie an einem Strang ziehen, wenn diese bedroht ist. Anita hatte dieses Gesetz gebrochen. Sie hätte es besser nicht tun sollen. Zitat von Vivek Shanbhag in "Ghachar Ghochar"
Zitat Ende

Es sind die kleinen Zwischentöne, die aufmerken lassen, einen irritieren, stutzen lassen. Vivek Shanbhag deutet vieles nur an, spricht es nicht aus, überlässt es dem Leser, seine eigenen Schlüsse aus dem Verhalten der Protagonisten zu ziehen. Der Autor steigert immer wieder mit solchen Hinweisen auf spätere Ereignisse die Spannung, denn nun will man wissen, was mit Anita geschehen wird. Was harmlos beginnt, nimmt immer bedrohlichere Züge an. Das Verhalten der Familienmitglieder wird immer monströser, immer fremder. Bisweilen verschlägt es einem den Atem, wie unterwürfig und angepasst sich alle verhalten und wie weit sie bereit sind zu gehen, um ihre heile Welt zu erhalten.

Weitere Informationen

Vivek Shanbhag: Ghachar Ghochar

Aus dem Englischen Daniel Schreiber
Aufbau Verlag
152 Seiten
18 Euro

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Fazit

Eine bedrückende Novelle über Reichtum und den Niedergang der Moral. Eine beeindruckende Familiengeschichte, die uns in eine Welt führt, die uns sehr fremd erscheint, obwohl sie, auf den Kern reduziert, durchaus Allgemeingültigkeit besitzt. Totale finanzielle Abhängigkeit kann auch in anderen Kulturen ein ähnlich desaströses Familienverhalten bewirken. Für die indische Literatur, die oft ausschweifende Beschreibungen liebt, ist Vivek Shanbhag eine Ausnahmeerscheinung. Er ist ein Autor, der bewusst und sehr geschickt mit Andeutungen arbeitet, dichte atmosphärische Szenen aufbaut, uns mit in eine Reise in die Hölle nimmt. Er ist ein Meister der Reduktion auf das Wesentliche.

Vorgestellt von Johannes Kaiser

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 17.8.2018, 8:30 Uhr

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