Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze
"Erlebniswiederaufbereitungsmaschine", "Lebenstatsachenverarbeitungsmaschine" - Genazinos neueste Ich-Beschreibung Bild © Hanser

Die Bücher Wilhelm Genazinos gleichen sich nicht nur darin, dass sie meist um die 160 Seiten lang sind. Auch die Erzähler und Szenerien ähneln sich. So ertappt man sich als Leser dabei, wie die verschiedenen Romane unmerklich ineinander übergehen, die Geschichten und Szenen sich miteinander verweben und zu einem einzigen großen Werkkomplex werden. Auch das neue Buch des gerade 75 Jahre alt gewordenen, seit vielen Jahren in Frankfurt lebenden Büchner-Preisträgers gehört in diese Reihe.

Besänftigung – danach sehnen sich die Männerfiguren Wilhelm Genazinos, wenn sie sich wie Gäste durch ihr eigenes Leben bewegen, sich der urbanen Welt, in die sie geworfen sind, zugleich fasziniert und voller Ekel aussetzen. Sie können ihren Empfindlichkeiten ebenso wenig entkommen wie ihrer Herkunft. Obwohl sie die Warenwelt verabscheuen, die Wirklichkeit oft abstoßend finden und zum geregelten Broterwerb selten taugen, nehmen sie die Widrigkeiten äußerlich fast widerstandslos hin. Nur ihre Wahrnehmungsfähigkeit für die Umwelt wird stetig feiner, präziser, verzweifelter. Meist streunen sie durch die Stadtlandschaft Frankfurts, auf der Suche nach bemerkenswerten Beobachtungen, die aus dem Beliebigen und Gleichmachenden herausstechen. Und immer gibt es erstaunlicherweise Frauen, die den hypochondrischen, hypersensiblen Lebensverweigerern Halt geben. An die Brust einer Frau geschmiegt, kommen sie kurzzeitig zur Ruhe. Obsession und Regression sind hier eins.

Zitat
„Frederike nahm meine Hand und drückte sie sich gegen die Brust. Es war Zufall, dass es die rechte Brust war, die Christa künftig fehlte. Frederike war unruhig und wartete, was jetzt passierte. In der Ferne bellte ein Hund.“ Zitat von aus: "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze"
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Wilhelm Genazino
Genazino Bild © picture-alliance/dpa

Drei Frauen sind es, die im neuen Roman von Wilhelm Genazino den Ich-Erzähler in seinem Taumel begleiten und dabei selber verloren gehen: Sibylle, die Ex- und vielleicht auch zukünftige Frau, stirbt bei einem Unfall – oder war es ein Selbstmord? Man erfährt darüber nichts weiter. Das Verschwinden geschieht fast lautlos. Sibylle wird von Christa übergangslos abgelöst. Diese Christa erkrankt wenig später – eine schockierende Diagnose – ausgerechnet an Brustkrebs: Dem Erzähler ist es kaum gegeben, seine eigene Trauer über den Verlust der begehrten Partialobjekte in Mitgefühl zu verwandeln.

Zitat
„Ich war weder musikalisch noch religiös, aber jetzt fiel mir der Beginn einer Kantate von Bach ein: Wo soll ich fliehen hin? Die Frage war eine präzise Beschreibung meiner Lage: Ich wusste nicht wohin.“ Zitat von aus: "Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze"
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Auch Christa gerät sehr rasch aus dem Blickfeld. Zu guter Letzt ist da die mütterliche Frederike, die noch einmal versucht, diesen dem Scheitern so zugeneigten Egozentriker mit seinem Leben zu versöhnen. Es sind da wundervolle, ins Mark treffende, klare Sätze in diesem hellsichtigen Buch. Und eine unüberwindliche Traurigkeit. Jene heitere Melancholie und das sich im Komischen auflösende Unbehagen an der Kultur, von denen die Bücher Genazinos immer geprägt waren, gibt es weiterhin. Es tritt aber mehr in den Hintergrund. Eine unheimliche Verzagtheit, auch eine merkwürdige Beziehungslosigkeit und Unausweichlichkeit herrschen nun vor.

Weitere Informationen

Wilhelm Genazino: Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze

Hanser
176 Seiten
20 Euro

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Fazit

"Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze" ist, das darf man wohl sagen, ein Alterswerk, dem es allerdings nicht an literarischer Kraft fehlt. Denn Wilhelm Genazino, der im Januar 75 Jahre alt wurde, schafft es noch immer, mit jedem seiner Bücher zugleich den Kern eines missglückenden Lebens freizulegen und mit seiner Sprache einen Zauber zu entfalten, der einen über dieses Unglück hinwegtrösten kann.

Vorgestellt von Ulrich Rüdenauer

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 30.1.2018, 8:30 Uhr

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