Frau dt. Kaiserreich

Eine echte Wiederentdeckung: Der Roman "Aus guter Familie - Leidensgeschichte eines Mädchens" von Gabriele Reuter stammt aus dem Jahr 1896 und ist eine Art feministischer Groschenroman aus dem deutschen Kaiserreich. Die Literaturwissenschaftlerin Katja Mellmann hat den nahezu vergessenen Text 2006 als Studienausgabe neu ediert.

hr2-kultur: Frau Mellmann, um welches Mädchen geht es hier?

Katja Mellmann: Das muss man im Sprachgebrauch der Zeit verstehen. Das "Mädchen" meint um 1900 auch die erwachsene, unverheiratete Frau. Und das Buch erzählt die Geschichte einer genau solchen Frau aus der besseren Gesellschaft, die wider Willen unverheiratet bleibt. Das Buch stellt vor allem die Sinnlosigkeit einer solchen Existenz dar, zu einer Zeit, in der die "Bestimmung des Weibes", wie es damals hieß, vornehmlich in der Rolle als Hausfrau, Gattin und Mutter gesehen wurde. Die Protagonistin scheitert immer wieder daran, sich andere Sinnperspektiven zu eröffnen, weil ihr z.B. Beruf und höhere Bildung als Frau damals verwehrt sind. Sie ist praktisch dazu verdammt zu Hause zu sitzen und auf den Bräutigam zu warten, der nicht kommt. Sie endet als greise alte Jungfer im Hause ihres Vaters. Das ist die tragische Entwicklung dieses Romans.

Das Buch war ein Bestseller im späten 19. Jahrhundert. Es galt als "Selbstbefreiung großen Stils". Wie wurde es denn damals gelesen?

Mellmann: Es wurde - das ist das Besondere an diesem Buch - sehr eng auf ein zeitgenössisches Problem bezogen: es gab gar nicht genügend Männer aus guter Familie, um all die Frauen zu verheiraten. Es war also auch ein Standesproblem. Bis Männer, vor allem in der Beamtenlaufbahn, soweit waren, dass sie finanziell einen Hausstand und eine Ehe gründen konnten, waren sie meistens schon ziemlich alt. Und man hat das Buch zu der Zeit als Anklageschrift gegen die damalige Mädchenerziehung verstanden. Also die Frage, die in den Literaturkritiken immer wieder auftauchte war: "Warum erziehen wir unsere Mädchen für die Ehe, wenn sie vielleicht gar nicht verheiratet werden können? Und warum eröffnen wir ihnen keine Alternativen?"

Thomas Mann pries Gabriele Reuter 1904 als "die souveränste Frau, die heute in Deutschland lebt". Sigmund Freud bescheinigte ihrem Roman "Aus guter Familie" die besten Einsichten in das Wesen und die Entstehung von Neurosen. Wie konnte das Buch trotzdem - aus heutiger Sicht - in Vergessenheit geraten?

Mellmann: Zum einen ist das das Schicksal vieler Romane weiblicher Autorinnen, deren Literatur häufig unter der Spezialrubrik "Frauenliteratur" geführt wurde. Zum anderen liegt es aber vor allem daran, dass wir das Problem heute einfach nicht mehr haben. Schon in den 1920er fangen die jungen Frauen an, sich darüber zu amüsieren, wie die "Mädchen" in dem Roman für Offiziere mit Schnurrbärten schwärmen. Also das wird schon wenige Jahre nachdem der Roman erschienen ist, kurios. Aber es ist dennoch ein Roman, der heute noch charismatisch ist - man kann ihn ja nicht nur zeithistorisch lesen.

Alle Folgen der Lesung finden Sie vom 14. Juli bis 21. Juli zum jederzeit Hören hier.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 15.7.2019

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