1964 überraschte Pier Paolo Pasolini die Kirche wie das Publikum mit seinem Film Das 1. Evangelium – Matthäus (Il Vangelo secondo Matteo). Pasolini stellt Jesus als realistische, menschliche Figur dar und setzt zugleich kompromisslos die biblische Vorlage um, ohne Auslassungen und ohne Hinzufügungen.

Angesichts der Homosexualität Pasolinis und seiner kommunistischen Überzeugungen hat dies sowohl in katholischen als auch in linken Kreisen Verwunderung hervorgerufen. Das Hörspiel erzählt das Matthäus-Evangelium aus verschiedenen Perspektiven. Einerseits aus der des Films von Pasolini, andererseits aus der des Schriftstellers Arnold Stadler, der diesen Film betrachtet. Bedenkt man, dass das Evangelium seinerseits das Leben Christi erzählt, so entsteht im Hörspiel eine zwiebelartige Verschachtelung einer Erzählung in der Erzählung in der Erzählung. Das Evangelium, der Film, das Drehbuch und der nacherzählte Film formulieren ein vielperspektivisches Bild der ursprünglichen Geschichte von der Jungfrauengeburt bis zum Kreuzestod.

Udo Schenk sitzt im hr-Hörspielstudio vor dem Mikro und spricht seine Rolle als „Stadler“ in „Evangelium Pasolini“ ein
"Evangelium Pasolini": Udo Schenk als "Stadler" Bild © hr/Ben Knabe

Evangelium Pasolini wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste aus den 12 Hörspielen des Monats zum Hörspiel des Jahres 2016 gekürt. Aus der Begründung der Jury: "Der Schriftsteller Arnold Stadler hat in seinem Roman "Salvatore" einen neuen Zugang zur Heiligen Schrift gefunden. Er legt seine Erfahrung mit Pasolinis berühmtem Film […] über seine Deutung. Der Hörspielregisseur Oliver Sturm denkt diese Verbindung zu Ende, indem er die Leidensgeschichte Christi mit der Ermordung des radikalen italienischen Schriftstellers kurzschließt. In seinem Hörspiel entsteht eine faszinierende Schichtung verschiedener Erzählebenen. Oliver Sturms Zugriff auf das Neue Testament in der Bibel-Reihe des Hessischen Rundfunks gelingt eine politische Aktualisierung, die unter die Haut geht."

Mit Tilo Werner, Udo Schenk, Heinrich Giskes u. a.

Regie: Oliver Sturm

hr/DLF 2016

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Arnold Stadler, geboren 1954, studierte katholische Theologie und anschließend Literaturwissenschaft. Für sein literarisches Werk erhielt Arnold Stadler zahlreiche bedeutende Literaturpreise, darunter den Georg-Büchner-Preis.

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Oliver Sturm, geboren 1959, Promotion über Beckett, arbeitete als Lektor, Dramaturg und Redakteur, war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Deutsche Literatur in Hannover, seit 1996 freier Regisseur, lebt in Berlin.

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Sendung: hr2-kultur, Hörspiel, 23.09.2018, 14:04 Uhr

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