Pollatscheks Kanon: Agatha Christie

Manchmal erfinden Menschen Dinge, die gleichzeitig so gut funktionieren und so leicht nachzubauen sind, dass aus ihnen ganze Industriezweige hervorgehen. Der Verbrennungsmotor zum Beispiel. Eine ziemlich simple Idee, die aber so gut funktioniert, dass deutsche Autohersteller immer noch lieber an ihr rumoptimieren als ernsthaft auf Elektro zu setzen. Und dass obwohl es durchaus gute Gründe gäbe, das mit dem Verbrennen endlich sein zu lassen.

#klimanotstand #weltliteratur

Eine ähnlich durchsetzungsstarke Idee hat vor genau 80 Jahren Agatha Christie auf den Markt gebracht. Es kann sein, dass Sie "Und dann gab’s keines mehr" nicht kennen. Was aber nicht sein kann, ist, dass Sie den dahinterliegenden Bauplan nicht kennen! Der sieht so aus:

Man nehme 10 Menschen ...

... und bringe sie an einen hermetisch abgeriegelten Ort – bei Christie ist es eine unbewohnte Insel, aber auch Kerker, verlassene Schlösser und eingeschneite Villen eignen sich bestens. Und dann, wenn sich alle sicher sind, dass keiner rein und keiner raus kommt, bringt man einen nach dem anderen um. Wichtig bei diesem Aufbau ist, dass der Tatort so glaubhaft abgeriegelt ist, dass es wirklich kein Entkommen gibt und der Mörder dazu noch Teil der ursprünglichen Zehn sein muss. So entsteht eine herrlich klaustrophobe Stimmung, in der jeder jeden verdächtigt. Und immer, wenn sich die Figuren und die Leser sicher sind, dass sie jetzt wissen, wer der Mörder ist, stirbt genau diese Figur und das Rätseln beginnt von vorne.

Bewährtes Mordmuster

In den vergangenen 80 Jahren wurde dieser Bauplan, oder zumindest Elemente daraus, fast ununterbrochen kopiert. In Bühnenstücken, Video- und Brettspielen, Kriminal- und Zeichentrickserien, amerikanischen Horror- oder französischen Kunstfilmen und natürlich in der Autoren-Industrie, die sich Kriminalliteratur nennt. So gut wie Christie hat es aber kaum jemals jemand hinbekommen. Denn Christie exerziert diese Grundidee auf beeindruckend schnörkellose Art durch. Es ist, als könnte man direkt in die Maschine reinschauen. Jedes Element greift lupenrein ins nächste. Kein Wort ist zu viel. Alles was zur Ausgangssituation hinzukommt, unterstützt eigentlich nur die Mechanik des ursprünglichen Plans.

33, 45, 78

Nachdem die zehn Gäste auf der Insel ankommen und noch bevor der erste Mord passiert, lässt Christie eine Schallplatte abspielen, in der jede einzelne Figur beschuldigt wird, in ihrer Vergangenheit einen Mord begangen zu haben. Auch dieses Element wurde oft kopiert. Was es so schön macht, ist, dass es die Grenzen zwischen Mörder und Mordopfer weiter verwischt. Nicht nur könnte jeder Gast ein Mörder sein, jeder Gast ist tatsächlich Mörder, nur nicht gerade in diesem Moment. Damit potenziert Christie die Spannung – anstatt eines einzigen Kriminalfalls gibt es gleich zehn verschiedene Fälle zu lösen.

Läuft!

Am Ende kommt es natürlich anders als man denkt. Wobei selbst diese Auflösung schon oft recycelt wurde, zum Beispiel, in der Fernsehserie Dexter. Selbst wenn man, geschult von achtzig Jahren Popkultur, das Ende vorausahnt und weiß, wer der echte Mörder ist, schmälert das das Vergnügen kaum. Genauso wie ein gut designtes Auto uns nicht weniger begeistert, nur weil wir wissen, wo es hinfährt. "Und dann gab’s keines mehr" ist ein ziemlich gutes Buch, vor allem aber, ist es ein Wunderwerk der Technik.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 4.9.2019, 9 Uhr

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