Pollatscheks Kanon - Maya Angelou - Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt

Letztens hat jemand ganz im Ernst und ohne erkennbaren Sarkasmus zu mir folgenden Satz gesagt: "Mein Körper ist ein Tempel." Ich war erstmal sprachlos. Ich glaube, das kommt von dieser Body-Positivity, die gerade im Internet grassiert. Wir sollen jetzt alle unsere Körper lieben. Und dabei ist der Körper ja in Wahrheit der Endgegner. Denn, Spoiler-Alarm, irgendwann bringen unsere Körper uns alle um. Körper werden alt und krank. Manche Körper werden ungewollt schwanger, andere werden impotent. Der Körper ist kein Tempel. Der Körper ist ein Fleischgefängnis und jeder Mensch hat lebenslänglich.

Maya Angelou: "Ich weiß warum der gefangene Vogel singt"

Kein Buch beschreibt dieses Gefängnis besser als Maya Angelous große Autobiographie "Ich weiß warum der gefangene Vogel singt." Wenn Sie Maya Angelou nicht kennen, dann liegt das daran, dass Sie nicht aus den USA kommen. Denn dort kennt wirklich jeder den Namen Maya Angelou. Spätestens seitdem Bill Clinton sie bei seiner ersten Amtseinführung eines ihrer Gedichte vortragen ließ. Oder seitdem sich beide Obamas als Fans geoutet haben. Angelou ist ein Popstar unter den Dichtern. Sie ist Beyoncés Beyoncé. Und das völlig zu Recht.

Als schwarzes Mädchen in den Südstaaten der 1930er

Denn was Maya Angelou in ihrer 1969 erschienenen Autobiographie schafft, ist, einem trotz aller Unterschiede immer wieder das Gefühl zu geben, dass man mit ihr im gleichen Boot sitzt, oder eher, im gleichen Gefängnis. Und das, obwohl Angelous Leben weit weg ist von dem vieler ihrer Leser: Es ist das Leben eines schwarzen Mädchens, welches in den 30er Jahren in den Südstaaten aufwächst. Angelou erzählt von allgegenwärtigem Rassismus. Von ihren Eltern, die sich nicht um sie und ihren Bruder kümmern. Von ihrem Stiefvater, der sie, als sie acht Jahre alt ist, vergewaltigt. Sie erzählt, wie sie danach verstummt. Und wie sie ihre Stimme erst in der Poesie wiederfindet.

Opfer des eigenen Körpers

Gleichzeitig erzählt sie aber noch etwas anderes, ganz allgemein Menschliches. Denn was ihre Figuren miteinander und mit uns allen gemein haben, ist, dass sie von ihren Körpern verraten werden. Die kleine Maya selbst sieht sich als schlankes blondes Mädchen gefangen in einem über-großen schwarzen Körper. Der Priester hat falsche Zähne, die ihm mitten in der Predigt rausfallen. Selbst die Weißen, deren Körper immerhin nicht Opfer von Rassismus werden, sind Gefangene. So wie die weiße Frau, für die Maya arbeiten muss, die keine Kinder bekommen kann, weil ihre Geschlechtsorgane entfernt wurden. Sogar Mayas Vergewaltiger ist ein dicker alter Mann mit platten Hängebrüsten, den sie schlussendlich nur bemitleiden kann. Bei Maya Angelou sind alle erstmal Opfer des eigenen Körpers.

Lust aufs Leben

Und trotzdem ist es kein trauriges Buch und sicherlich kein humorloses. Denn der menschliche Körper, mit seinen Gebrechlichkeiten, Gerüchen und Geräuschen ist ja neben seiner Tragik vor allem eins: ganz schön komisch. Und auch bei Angelou kann so ein Menschenkörper ein paar Dinge, die dann doch irgendwie gut sind: Tanzen, Singen, Sex haben und Kinder machen zum Beispiel. Maya Angelou macht Mut und mir, absurder weise, Lust aufs Leben. Sie zeigt, dass man auch in einem Gefängnis singen kann, ohne behaupten zu müssen, dass es ein Tempel ist.

Sendung: hr2-kultur Kulturfrühstück, 4.6.2019, 8:30 Uhr

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