Rathaus Wiesbaden

Ein Gastronom, ein Geschäftsmann, der Oberbürgermeister und der Fraktionschef der Oppositionspartei waren die Hauptpersonen beim Wiesbadener Stadtskandal. Vorteilsnahme, Bestechung, verdächtige Auftrags-und Postenvergabe waren und sind die Vorwürfe - und der Stoff für ein Theaterstück, das vor der Haustür des Staatstheaters spielt: Im Rathaus.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Wir dokumentieren nicht, wir machen es menschlich nachvollziehbar." Gespräch mit Clemens Bechtel

Clemens Bechtel
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Die Wiesbadener Kommunalpolitik lieferte im letzten Jahr beinahe täglich bühnenreifen Stoff: Nach und nach förderte die Lokalpresse Verdachtsfälle von Machenschaften, Intrigen, Bestechung und Rache in den obersten Rängen der Wiesbadener Kommunalpolitik zutage. Das alles hat Regisseur Clemens Bechtel dazu gebracht, sich mit Protagonist*innen der Wiesbadener Politik-Szene zu treffen und seine Recherchen zusammen mit dem Autor David Gieselmann in einem Stück zu verarbeiten. Das hat jetzt im Staatstheater Wiesbaden Premiere.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ich weiß soviel über Dich und Du weißt nichts von mir!" - Bericht von der Probe

"Casino" am Staatstheater Wiesbaden
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Herr Bechtel, was war das spannendste an den Recherchen und Gesprächen?

Wir haben mit vielen Beteiligten gesprochen, mit den Menschen drumherum, den Informanten und den Journalisten, denn es geht in der Tat nicht nur um Politik sondern auch um Journalismus. Mich hat interessiert, wie alle das erlebt haben, wie sie hinterher dazu stehen - und ich habe gelernt, dass die Klischees, wie man sie hat, nicht stimmen. Viele Personen waren jetzt noch sehr "angefasst" von der Situation damals und daher bereit über ihre Perspektive auf die Ereignisse zu sprechen.

Haben Sie auch mit Sven Gerich sprechen können, dem ehemaligen Oberbürgermeister, um den sich alles drehte?

Der Wiesbadener Ex-Oberbürgermeister Sven Gerich im Januar 2019.

Leider ist er der einzige der unmittelbar Beteiligten, der nicht mit uns sprechen wollte. Was auch verständlich ist, denn die Verfahren gegen ihn laufen ja noch. Wir haben aber mit allen anderen gesprochen, auch mit den Mitarbeitern von Herrn Gerich. Insgesamt waren diese Gespräche sehr wichtig, damit wir wussten, wie diese Lawine ins Rollen gekommen ist.

Was hat sie am meisten erstaunt an dem, was Sie erfahren haben?

Wenn Sie sich vor den Gesprächen vorstellen, dass der Strippenzieher in einer Villa wohnt mit mindestens einem dicken Auto davor - und wenn sie dann in eine Kanzlei in einem einfachen Wohngebiet eingeladen werden und der Mann ist streng religiös, dann ist das schon sehr überraschend. Oder wenn sie an Investigativjournalisten denken, dann erwarten sie junge schneidige Menschen; stattdessen treffen Sie auf eine Dame, die kurz vor dem Ruhestand steht. Und das "Abgezockte", was man erwartet hatte, war nicht so: Die Leute waren ge- und betroffen.

Gab es denn ein Unrechtsbewusstsein?

Das gab es, bezüglich der anderen! Viele fühlten sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, das Schuldbewusstsein war nicht so klar. Man hat eher die eigene Perspektive und Leistung in den Vordergrund gestellt, auch die Presse, die auch maßgeblich "Player" war, nicht nur Beobachter. Und es tauchten Fragen nach dem Verhalten auf: Ist es ok, so und so zu berichten, Leute zu jagen, sich als Presse so instrumentalisieren zu lassen wie geschehen.

Fühlten sich denn die Beteiligten als ob sie über dem Recht stehen?

Sven Gerich (SPD, M.) nach seinem Wahlsieg 2013

Exakt so war das: Ein relativ kleiner Kreis von Menschen teilt sich die Macht in einer großen Stadt auf, da werden Gefälligkeiten erteilt und Jobs vergeben. Sämtliche Kontrollmechanismen der Demokratie versagen. Das war ein Skandal. Aber dann war die Frage, ob das Theater die Aufgabe hat, alles weiter zu skandalisieren oder ob es nicht ein Stück daraus machen soll. Darüber, wie manche Menschen das Vertrauen in die Demokratie verspielen, wie die Mechanismen sind.

Wie setzen Sie das jetzt für die Bühne um?

Wir machen kein Dokumentartheater mit Schauspielern, die irgendwelche Quellen vorlesen. Wir haben versucht, aus allem eine fiktionale Geschichte zu entwickeln. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der menschlichen Ebene, mich interessiert die Grundfrage: Was macht Macht mit dem Menschen? Wie entsteht der Rausch der Macht, wie gehe ich mit dem Verlust meiner Macht um? Was bedeutet das für Freundschaften? Denn dieses Thema ist seit Shakespeare im Theater aktuell! Wir zeigen die Figuren, die beteiligt waren, in einer Geschichte, auf die man sich einlassen sollte.

Weitere Informationen

Casino

Ein Political von Clemens Bechtel und David Gieselmann
Staatstheater Wiesbaden, Kleines Haus
Premiere am 18.1., weitere Aufführungen am 19., 23., 24., 25., 29.1., 9., 16.2.2020
Nach unseren Informationen gibt es zu allen Vorstellungen nur noch Restkarten an der Abendkasse, weitere sind ab März geplant.

Ende der weiteren Informationen

Das Gespräch führte Rosemarie Tuchelt.
Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 13.1.2020, 17:10 Uhr

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