Doris Salcedo, Thou less

In unserer ARD-Themenwoche geht es um “Gerechtigkeit”, jetzt um “Recht und Ungerechtigkeit” in der Kunst. Wenn wir an Symbole für Gerechtigkeit denken, fällt vielen wahrscheinlich die Justitia mit den verbundenen Augen und der Waagschale ein. Dabei dürfte jedem klar sein, dass Recht und Gerechtigkeit nicht unbedingt dasselbe sind. Eine andere Form – ein ganz eigenes Symbol – für dieses Verhältnis hat die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo gefunden. Eine ihrer Skulpturen steht in der Neuen Galerie in Kassel.

Das Frappierende ist: das ganze Ensemble sieht gleichzeitig bedrohlich und mitleiderregend aus. Wie eine angriffsbereite Armee – und wie eine Gruppe von Verletzten, Versehrten.

Zerstörung als Symbol

Man muss näher rangehen, um zu sehen, dass diese harten Stahl-Stühle verbeult, verknickt und zerstört sind. Teile der Sitzflächen sind abgerissen, oder der Stahl ist so herunter poliert, dass er dünn wie Haut erscheint. Manchen Stuhlfragmenten fehlen Beine, sie sind zu Zweier- und Dreiergruppen zusammengefügt – um sich gegenseitig Halt zu geben. - Nur warum?

Die kolumbianische Künstlerin Doris Salcedo bezieht sich mit ihrer stählernen Stuhl-Skulptur „Thou-Less“ auf historische Ereignisse: den Überfall auf den Justizpalast in Bogota 1985. Guerillas hatten Geiseln genommen – das Militär reagierte mit einem gigantischen Aufgebot an Panzern, Truppen und Gewehrsalven. Über hundert Menschen sterben, darunter auch zahlreiche Richter und Zivilisten. Elf Menschen gelten bis heute als vermisst.

Verlust wird sichtbar

"Thou-Less" ist altenglisch und bedeutet "Ohne dich". Die so betitelte Skulptur verleiht jenen Menschen eine spürbare Präsenz, die nicht mehr persönlich hier sein können. Imposant und sperrig, macht sie die erlittene Gewalt und Ungerechtigkeit sichtbar.

Hier ist unabweisbar, was die kolumbianische Regierung bis heute nicht offiziell eingestehen will: ihr Fehlverhalten bei der blutigen Niederschlagung des Überfalls 1985. Warum reagierte das Militär mit einer derartigen Härte? Warum griff der damalige Präsident nicht ein? Fragen, auf die die Angehörigen der Opfer bis heute keine Antworten bekommen haben.

Weil Doris Salcedo banale Alltagsgegenstände transformiert, die praktisch jeder benutzt – ob Schuhe, Bettgestelle, oder hier Stühle – sind ihre Skulpturen universell verständlich. Ihre Skulptur "Thou-Less" erinnert damit nicht nur an das Massaker im Justizpalast in Bogota 1985 – sie steht generell für die Verschwundenen und Opfer von zunehmender Gewalt überall auf der Welt.

Nein, das hier ist kein Ort zum Platznehmen! Es ist ein eisgrau-schimmerndes – verletztes und ebenso angriffslustiges – Mahnmal für Gerechtigkeit.

Doris Salcedo
"Thou-Less"
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