Konzert Boulez Materialism / Marcin Wasilewski Trio / Melodic Ornette

50. Deutsches Jazzfestival Frankfurt
Deutsches Jazzfestival 2019
Frankfurt am Main
hr-Sendesaal
Bertramstraße 8
60320 Frankfurt am Main

Der dritte Abend im hr-Sendesaal beginnt mit einer Gratwanderung zwischen Neuer Musik und Jazz. Nach einem kammermusikalischen Intermezzo setzen Joachim Kühn, Michel Portal und die hr-Bigband einen jazzorchestralen Schlusspunkt.

Dell / Brecht / Lillinger / Westergaard – „Boulez Materialism“

Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2019 - Tag 4 - Dell Brecht Lillinger Westergaard

Wenn Christopher Dell Ende der 80er Jahre nach seinen Studien in Hilversum und Boston in der Frankfurter Szene auftauchte, dann meistens im Doppelpack mit John Schröder. Da hatten sich zwei gefunden, die nach den Sternen griffen und bei ihren Auftritten für ehrfürchtiges Staunen sorgten. Seitdem ist der gebürtige Darmstädter Dell mit bewundernswerter Konsequenz einen Weg gegangen, der ihn nicht nur zu einem der besten und originellsten Vibraphonisten und Musikkonzeptionisten dieses Planeten macht. Außerdem hat er es weitgehend unbemerkt von der jazzinteressierten Öffentlichkeit zu akademischen Weihen auf einem anderen Gebiet gebracht: Nach diversen Gastprofessuren lehrt er mittlerweile Städtebau und Stadterneuerung an der Berliner Universität der Künste.

"Keiner ist wie Dell"

Der Satz, „keiner ist wie Dell“, von Uli Olshausen für eine CD-Rezension formuliert, erweist sich auch in diesem Aspekt als zutreffend. Gemünzt war er natürlich auf „das technisch schier grenzenlose, klanglich hochdifferenzierte Vier-Schlegel-Spiel auf dem Vibraphon“, das den Hörer „durch eine Landschaft unvorhersehbarer Ereignisse“ treibe. Mehrfach hat Christopher Dell beim Deutschen Jazzfestival mit Momentaufnahmen seines künstlerischen Schaffens geglänzt. Wir freuen uns deshalb um so mehr, ihn auch bei unserer 50. Ausgabe mit seinem aktuellen Projekt zu Gast zu haben.

Mit dem Schlagzeuger Christian Lillinger verbindet ihn seit längerem eine projektübergreifende Partnerschaft: Stets bereit für den Sprung in unbekannte Gewässer, stacheln sich die beiden in ihrer nervösen Energie gegenseitig an und jonglieren mit musikalischen Parametern, denen im Jazz sonst kaum Beachtung geschenkt wird. Bassist Jonas Westergaard erdet die beiden Gipfelstürmer und ist als gleichberechtigter Dialogpartner stets auf dem Sprung. Das ohnehin schon verblüffende Klangarsenal des Trios erfährt durch Johannes Brecht eine Ausweitung ins Elektronische.

Partitur- und Hörstudien

Wieviel Boulez steckt in diesem wie entfesselt und zugleich auf seltsame Weise strukturiert wirkenden Klanggestöber? Wenn man ihn fragt, erzählt Christopher Dell von seinen Partitur- und Hörstudien in der Bibliothek des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, von seinem Meisterkurs bei Karl-Heinz Stockhausen und davon, wie ihm die konzeptionellen Ideen von Pierre Boulez neue Horizonte für die Jazzimprovisation eröffnet haben. Doch man muss das weder wissen noch verstehen, um sich an der faszinierenden Musik dieses Quartetts zu berauschen. Christopher Dell greift mit ihr einmal mehr nach den Sternen.

Christopher Dell | Vibraphone
Johannes Brecht | Electronics
Christian Lillinger | Drums
Jonas Westergaard | Bass

Marcin Wasilewski Trio

Deutsches Jazzfestival Frankfurt 2019 - Tag 4 - Marcin Wasilewski Trio

Das Ensemble des polnischen Pianisten Marcin Wasilewski ist sicher eines der tiefsinnigsten und atmosphärisch intensivsten Trios der Jazz-Szene, auf alle Fälle aber auch ein sehr langlebiges und ungeheuer gut eingespieltes. Denn schon als 15jähriger lernte Wasilewski auf dem Gymnasium den Bassisten Slawomir Kurkiewicz kennen und gründete 1990 ein Trio mit ihm. Drei Jahre später stieß als Schlagzeuger Michal Miskiewicz dazu und unter dem Bandnamen “Simple Acoustic Trio” entstanden zunächst fünf gemeinsame CDs bei polnischen Plattenlabels; Tourneen durch Europa und Auftritte bei den großen Jazzfestivals machten das Trio auch international bekannt. Fast zwei Jahrzehnte lang zählten die drei Musiker außerdem zum Quartett des im vergangenen Jahr verstorbenen großen polnischen Trompeters Tomasz Stanko.

Entfesselt spielende Instrumentalisten

Zum Deutschen Jazzfestival nach Frankfurt kommt das Marcin Wasilewski Trio, wie es sich jetzt seit längerem nennt, mit der aktuellen CD „Live“ im Gepäck, aufgenommen vor 4000 Zuschauern beim „Jazz Middelheim“-Festival in Antwerpen. Und dieser energiegeladene Mitschnitt zeigt eindrucksvoll, mit welch blindem Verständnis und mit wie viel flirrendem Spielwitz die Musiker auf der Bühne agieren: drei wie entfesselt spielende Instrumentalisten in perfekter Harmonie! Noch dazu eine Aufnahme, von der Marcin Wasilewsi, Michal Miskiewicz und Slawomir Kurkiewicz erst nach dem Konzert erfuhren. „Vielleicht, weil wir nicht wussten, dass alles mitgeschnitten wurde und wir nicht für die Mikrofone, sondern für das Publikum und den Moment spielten – vielleicht ist deshalb die Seele der Dinge besonders gut eingefangen worden“, vermutet Wasilewski.

Vom 44jährigen Pianisten stammen übrigens die meisten Kompositionen im Repertoire des Trios, ergänzt allerdings immer wieder auch durch eigenwillige Interpretationen bekannter Poptitel von u.a. Björk, Prince und „The Police“. Alles klingt dabei wie aus einem Guss und es ist faszinierend, wie selbstverständlich und organisch die drei im Flow sind, egal ob sie eine intime Zweier- und Dreierkommunikation pflegen oder in offenen Strukturen den Blick ins Freie wagen. Ein Flow, der sich im Laufe eines Vierteljahrhunderts voll gemeinsamer musikalischer Unternehmungen entwickelt hat.

Marcin Wasilewski | Piano
Slawomir Kurkiewicz | Bass
Michal Miskiewicz | Drums

Melodic Ornette - hr-Bigband featuring Joachim Kühn & Michel Portal

Jazzfestival Frankfurt 2019 Programm

170 handgeschriebene Kompositionen Ornette Colemans besitzt Joachim Kühn aus den Jahren von 1995 bis 2000, als er mit dem Jahrhundertmusiker im Duo zusammenarbeitete. Ein wahrer Schatz, den Kühn auf seinem aktuellen Solo-Album "Melodic Ornette Coleman" auschnittsweise mit der Welt teilt. Der Name ist Programm und eigentlich keine Überraschung, denn schon in seinem epochalen Frühwerk hatte sich der Free-Jazz-Pionier ja als begnadeter Melodiker erwiesen. Nur dass er seine oft gesanglich-folkloristischen Motive durch abrupte Wechsel des tonalen Zentrums und eine bis dahin unerhörte rhythmische Elastizität auf schräge Weise zum Tanzen brachte. Die ungebrochene Faszination, die der 2015 gestorbene Altsaxofonist gerade auf melodienselige Musiker wie etwa Pat Metheny oder Joshua Redman ausübt, hat genau hier ihren Ursprung. Colemans "Free Jazz" war im Grunde nichts anderes als eine Unabhängigkeitserklärung der Melodik gegenüber der Harmonik: "Let's play the music, not the background!"

Kongenialer Duopartner

"Hut ab!" – Albert Mangelsdorff@90 - Joachim Kühn

Das war auch der Grund, weshalb Ornette Coleman kaum mit Pianisten zusammengespielt hatte, bis er Mitte der 90er Jahre eine Platte von Joachim Kühns Trio hörte. Er versuchte es mit dem Deutschen und fand in ihm einen kongenialen Duopartner, der sich nicht zuletzt deshalb so gut auf den eigenwilligen Saxofonisten einlassen konnte, weil er schon in seiner Jugend zu dessen Platten geübt hatte, indem er den nicht existenten Klavierpart einfach dazu improvisierte. Nun spielte er leibhaftig mit seinem Idol in bis zu 14stündigen Sessions, die sie aufnahmen und später gemeinsam abhörten. "Wir lächelten dabei immer an denselben Stellen", verrät Kühn in einem Interview mit dem Wochenmagazin „Die ZEIT“. Coleman hatte den Ehrgeiz für jedes gemeinsame Konzert 10 neue Stücke zu komponieren und forderte Kühn auf, die Akkorde zu ergänzen. Nun werden Joachim Kühn und Jim McNeely diese Kompositionen für die hr-Bigband und ihre exquisite Gästeschar orchestrieren.

Melodien aus ihrem Dornröschenschlaf wecken

Die richtige Betriebstemperatur liefern Francois Moutin und Joey Baron, die jeden Weg mitgehen, die die Partituren oder die Solisten einschlagen: von Grooves bis zur freien Interaktion. Mit Michel Portal konnte eine weitere europäische Jazz-Legende für dieses Projekt gewonnen werden. Er ist der vermutlich "kompletteste" Musiker seiner Generation, geschätzter Interpret klassischer und Neuer Musik, vielbeschäftigter Filmkomponist und natürlich herausragender Improvisationskünstler mit eigener Stimme. Und genau die wünscht sich Joachim Kühn, der Portal von vielen Begegnungen kennt, um Colemans Melodien aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Wir freuen uns, dass dieses Projekt eine Woche nach seiner Uraufführung beim 50. Deutschen Jazzfestival Frankfurt auch beim Jazzfest Berlin erklingen wird.

Joachim Kühn | Piano
Michel Portal | Bassclarinet
Francois Moutin | Bass
Joey Baron | Drums

hr-Bigband
Jim McNeely | Leitung

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