Anja Silja

Jede Zeit hat ihre Stars und Lieblinge. In der Kunst ist das auf jeden Fall so. Daher kann es sein, dass jüngere Hörer*innen von Anja Silja noch nie etwas gehört haben. Allen anderen geht das Herz auf. Anja Silja, eine der großen Wagnersängerinnen des vergangenen Jahrhunderts, wird 80 Jahre alt. Eine Verbeugung.

Eine von Anja Siljas Paraderollen war die Senta in Richard Wagners Oper vom "Fliegenden Holländer". Sie ist jung, gerade einmal 20 Jahre alt, und sie singt – schon - die Senta: in Bayreuth bei den berühmten Bayreuther Festspielen. Der Wagner-Enkel Wieland Wagner hatte sie vor mehr als 60 Jahren in Frankfurt gehört, ja in Frankfurt, auf den Grünen Hügel geholt und sich in sie verliebt, vor allem in diese besondere, alle betörende Stimme.

2013 kommt Anja Silja noch einmal zurück nach Frankfurt. Sie singt die kleine Rolle der Babulenka in Sergej Prokofjews Oper „Der Spieler“. Harry Kupfer hatte damals die Regie. Ich treffe Anja Silja zum Interview. Mich interessiert bei so großen Künstlerinnen tatsächlich immer, wie sie sich selbst sehen. Wie sie ihre Stimme hören und empfinden.

Also, meine Stimme ist ja immer auch angreifbar, würde ich sagen, weil ich nicht so viel Wert auf die Schönheit des Singens lege. Das vereint mich mit Frau Callas, die ja wirklich nicht schön gesungen hat, aber eine unglaubliche Person dahinter war. Die Wiedererkennbarkeit ihrer Stimme ist ja sensationell. Da brauchen sie ja noch nicht mal eine halbe Sekunde, und Sie wissen, es ist die Callas. Und das ist eben bei mir auch, glaube ich, die Wiedererkennbarkeit, durch die unorthodoxe Stimmführung.

Der Vergleich mit der Callas passt schon. Ich würde heute rückblickend sagen: Ja, Anja Silja ist auch eine Jahrhundertsängerin - im Wagner-Fach auf jeden Fall. Sie hat nicht die Popularität einer Maria Calles, deren Name wie eine Marke für dramatischen Operngesang steht. Aber in Sachen Wagner galt Anja Silja Jahrzehnte lang als die Wagner-Sängerin schlechthin. Sie sang die Senta, die Isolde, Brünnhilde, Eva, Elisabeth, Elsa und Venus. Mit Wieland Wagner, der Anja Silja abgöttisch zu lieben schien, hat die junge Sängerin in Bayreuth Weltruhm erlangt. Das klingt jetzt übertrieben: Sie war sein künstlerisches Geschöpf, er gab ihr alle Sopranrollen und nahm sie mit in die Welt. Wo immer er die Opern seines Großvaters inszenierte: Anja Silja sang sie.

Und sie genoss das. Fuhr im Mercedes-Cabriolet winkend durch Bayreuth und mit über 200 Stundenkilometern nach München. Und später, Wieland starb, und sie kam mit den Dirigenten André Cluytens und Christoph von Dohnanyi zusammen, ihre Stimme wurde größer und schwerer. Nach Wieland Wagners Tod sang sie keine Wagner-Oper mehr. Sie wandte sich Richard Strauss und der Neuen Wiener Schule zu, also der Musik von Arnold Schönberg, von Alban Berg. Den extremen Charakterrollen, den schwierigen, irritierenden Frauenfiguren, für die man eine große Stimme benötigt: dramatisch in der Höhe und gravitätisch in der Tiefe.

Man muss wissen: Anja Silja war ein Wunderkind, ihr Großvater nahm sie aufgrund ihres atemberaubenden Talentes schon mit zehn (!) Jahren von der Schule, um die Stimme zu trainieren. In Frankfurt blieb sie aber nur kurz, denn ihr Großvater, der ihr Lehrer war, hatte anderes mit ihr vor. Jahrzehnte später, nach Wieland und Bayreuth, kam Anja Silja Ende der 60er Jahre noch einmal zurück nach Frankfurt. Hier hat sie mit dem Dirigenten Christoph von Dohnanyi gelebt, eine Familie gegründet und an der Oper Frankfurt gearbeitet. Frankfurt scheint tatsächlich ein wichtiger Ort gewesen zu sein in einem Leben, das sich nicht als glatte Sängerin-Biographie wegerzählen lässt. Kein Wunder, dass Anja Silja gerne zurückblickt. Anja Silja – die Jahrhundertstimme - wird heute 80 Jahre alt.

Die Sehnsucht nach der Vergangenheit hat ja der Mensch. Man soll nicht zurückgucken, man soll vorwärtsgucken. Das ist vollkommener Käse. Was soll man mit 70 oder 80 noch vorwärts kucken. Natürlich kuckt man rückwärts, wenn das ein schönes, ein interessantes Leben war. Dann ist das natürlich so.

Sendung: hr2-kultur, Klassikzeit, 17.4.2020, 10:30 Uhr

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