Skulpturenweg Eppstein

Aus dem Rhein-Main-Gebiet kommend ist es nur ein kurzer Weg nach Eppstein und doch ist man hier in einer anderen Welt: Rundum Hügel, Wälder, Felder und immer wieder weite Ausblicke auf Altkönig und Feldberg. Hier, wo es schon immer Holzwirtschaft gab, findet alle drei Jahre ein Holzbildhauersymposium statt. Künstler kommen für eine Woche und arbeiten auf dem Holzlagerplatz der Firma MB Baumdienste.  Eine ganze Reihe der dort entstandenen Skulpturen wurden später vom Kulturkreis Eppstein angekauft und werden nun hier auf dem Skulpturenweg präsentiert.

Es ist ein heißer Sommertag. Auf den Feldern wird heute Heu gemacht und ich freue mich darauf, Kunst unter freiem Himmel zu sehen. Jochen Quack vom Kulturkreis Eppstein erwartet mich am Beginn des Skulpturenweges. Der 81-jährige trägt einen weißen Schnurrbart und einen hellen Sommerhut und führt mich durch die Ausstellung. Der Weg steigt zwischen zwei Wohngebieten steil den Hügel bergan. Schon nach wenigen Schritten sehen wir das erste Kunstwerk, von Sieglinde Groß, die "Trägerin", das war im Jahre 2000.

Seit 20 Jahren steht sie nun hier oben - eine  hohe schlanke Figur einer archaisch anmutenden Frau. Erinnert grob an eine Kultfigur. Mit der Kettensäge gearbeitet, trägt sie einen Hut oder ein großes Gefäß auf dem Kopf. Wie eine einzeln stehende Säule oder eine Wächterin steht am Anfang des Weges. Jochen Quack berichtet von den Arbeitsbedingungen der Künstler bei dem Symposium:

"Für uns ist es ein Segen, dass es den Herrn Bauer und die Firma gibt, die immer die feinsten und besten Bäume aufhebt – deshalb, wenn die Künstler kommen, schöpfen die aus einem Fundus, den haben die nirgendswo – alte Ulmen, Lebensbäume, Redwood, alles da."

Die Organisation des Symposiums, der Aufbau und die Pflege des Skulpturenweges wird dabei von Eppsteiner Bürgern geleistet, engagierte Leute, keine Kunsthistoriker, aber kunstbegeistert. Keiner wird bezahlt. Viele Männer und Frauen bauen mit auf, bekochen die Künstler und sie am Anfang sogar untergebracht. Ein in der Region ziemlich einmaliges Engagement, das Künstler fördert und sie unterstützt. Das Holz der Skulpturen muss bestimmte Vorraussetzungen erfüllen:

"Es muss wenn möglich so haltbar sein wie Eiche oder ähnliches, aber es vergeht. Es verrottet nach und nach, die meisten Künstler wollen nicht, dass man es anstreicht. Leider."

Die Skulptur von Edvardas Racevicius liegt ein ganzes Stück weiter bergan auf der Erde. Sie erscheint wie eine große Gruppe Keulen oder schwebender Atome. Runde, organische Formen, die dicht aneinandergedrängt, fast wie eine Herde, beinahe zu fließen scheinen. Hier ist die Patina wunderschön, weil Racevicius die Oberfläche sehr stark bearbeitet hat, man sieht Schattierungen und das Ausbleichen des Holzes. Man muss sich ein wenig einsehen in die Materialästhetik. Holz ist eben Natur, es ist vergänglich. Pilze haben sich an dem alten Baumstamm angesiedelt. Risse durchziehen die Oberfläche.

Die nächste Arbeit, die uns ins Auge fällt, stammt von dem Freiburger Künstler C.W. Loth. Man sieht sofort, hier handelt es sich um eine geometrisch-konzeptionelle Skulptur. Der Künstler hat den Stamm gewissermaßen in drei Stücke gefaltet, die sich gegenseitig tragen. Nicht zerteilt, nicht wieder zusammengesetzt, ineinander verschachtelt. Wirklich faszinierend. Wuchtig und stark.

Wir haben 14 Groß-Skulpturen aus Holz gesehen, als wir zum letzten Kunstwerk kommen: Das Ahnenantlitz des kenianischen Bildhauers Ogira Ombure. Drei große weiße Gesichter bewachen das Ende der Ausstellungsstrecke. Man sieht der Arbeit an, dass sie aus einem anderen Kulturkreis stammt. Damit fällt sie ein wenig aus dem Rahmen und markiert doch gleichzeitig auch den Beginn und das Herz des Skulpturenweges in Eppstein. Ogira war 1997 der erste Künstler, der bei einem Deutschlandaufenthalt in Eppstein große Holzskulpturen geschaffen hatte. Seine Begeisterung für die Arbeitsbedingungen und seine Kommunikationsfreude erweckten das Interesse und den Enthusiasmus der Menschen. Seither hat sich das beschauliche Eppstein zu einem Geheimtipp der Bildhauerszene gemausert.

Sendung: hr2-kultur, 6.7.2020, 8:45 Uhr

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