Bernhard Pörksen

In seinem Buch "Die große Gereiztheit" spricht Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen von einer "Empörungsdemokratie" in Zeiten digitaler Medien. Er fordert eine Rückkehr zu Wahrheitsorientierung, Skepsis und Transparenz.

"Die Kunst des Miteinander Redens" ist Thema seines neuen Buchs, das er gemeinsam mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun herausgebracht hat. Darin geht es um Antworten und Fragen, warum Hass und Hetze, Gerüchte und Falschmeldungen die öffentlichen Debatten bestimmen, und was dagegen zu tun ist, wenn die Angst vor dem Schwinden des gesellschaftlichen Zusammenhangs wächst.

hr2-kultur: Herr Pörksen, wie sprechen wir mit Menschen, mit denen man nicht mehr sprechen kann? Mit Extremisten, mit Leuten, die ihre eigene Wahrheit finden?

Bernhard Pörksen: Es wird zweifellos Menschen geben, mit denen man tatsächlich nicht reden kann. Aber in einer Demokratie kommt es bis zum absoluten, endgültigen Beweis des Gegenteils, auf den unendlichen Versuch an. Und eine Technik eine Brücke zu bauen ist Wertschätzung, als Eröffnungszug, wenn man so will. Sehr wichtig ist es (...) auf die pauschale Abwertung zu verzichten, denn die kränkt immer: weißer, alter Mann; hysterische Feministin; krimineller Flüchtling. All das sind Etikettierungen die verschrecken, verstören und auf Grund ihrer Grundsätzlichkeit den ganzen Menschen meinen und abwerten und ein Gespräch unter Garantie ruinieren.

Die großen Reizthemen, die wir vor 2 Wochen noch kannten, z.B. Geschlechterkampf, Fahrrad vs. SUV usw., pausieren. Das sind Themen die für viele unverhandelbar sind und auch in Talkshows heiß diskutiert werden. Brauchen wir diese Pause, um einen Neustart zu wagen?

Pörksen: Ich denke, man braucht insgesamt ein Nachdenken über eine andere Kommunikations- und Diskurskultur. Denn wir merken ja, das Talkshow-Prinzip der inszenierten Gegensätzlichkeit (...) hat sich erschöpft.

Es geht wirklich um eine andere Ernsthaftigkeit in der Auseinandersetzung. Um ein Streit in der Sache und nicht um die so oft erlebbare Spektakel-Polarisierung entlang von Nichtigkeiten, entlang von schlechten satirischen Witzen, Scherzen, die irgendwer macht, minimale Grenzüberschreitungen, die in der Summe gar keine Bedeutung besitzen.

In der Tat, wir müssen streiten. Aber idealer Weise auf eine sachliche Art und Weise. Und die "Zukunftstugend" der Kommunikation, die mir und meinem Kollegen Friedmann Schulz von Thun in diesem Buch "Über die Kunst des miteinander Redens" vorschwebt, diese Zukunftstugend nennen wir die respektvolle Konfrontation. Also sich nicht weg ducken, sagen, was zu sagen ist, nicht opportunistisch ausweichen, aber eben, und das ist die eigentliche Kunst, nicht in die Abwertungsspirale einsteigen und zum weiteren Ruin des Kommunikationsklimas beitragen.

Das ist ja auch das Selbe, was eine gute Beziehung ausmacht ...

Pörksen: Ja, ich würde sagen, eine gute Beziehung lebt von der nötigen Portion Wertschätzung, von der Anerkennung der Verschiedenartigkeit. (...) Und erst dann kann so ein wirklich fruchtbares, gutes Zusammenspiel entstehen.

Nur wenn wir ins Politische wechseln, müssen wir klar anerkennen, es ist auch notwendig, den Weg der Konfrontation zu wählen. Nur Empathie, nur Wertschätzung, nur Wohlgefühl wäre aus meiner Sicht in der gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Situation ganz und gar falsch.

Unter dem Motto "Erregungen" wollte das 10. Literaturfestival FrankfurtRheinMain literaTurm die zunehmende Gereiztheit gesellschaftlicher Debatten in den Fokus stellen. Gespräche mit ausgewählten Festival-Mitwirkenden hören Sie vom 23. bis 27. März im hr2-Kulturfrühstück und hr2-Kulturcafé und können Sie online hören.

Die Fragen stellte hr2-Moderator Alf Haubitz.

Sendung: hr2-Kulturcafé, 23.03.2020, 17.05 Uhr

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