Cora Stephan vor ihrem Haus in Mücke-Ilsdorf

Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, Teilung Deutschlands, Wiederaufbau in West und Ost, aufgewachsen im geteilten Deutschland, Wiedervereinigung – die Schriftstellerin Cora Stephan hat eine besondere Geschichte Deutschlands geschrieben. In der Familiengeschichte der Seligers findet sich fast das ganze 20. Jahrhundert.

Nach "Ab heute heiße ich Margo", 2016, ist jetzt gerade "Margos Töchter" erschienen. Zwei Frauen, die beide ihr Glück suchen, in verschiedenen Systemen, nun in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und die, ohne es zu ahnen, schicksalhaft miteinander verbunden sind. Ich spreche mit Cora Stephan über diese deutsche Zeitgeschichte. Oder ist es eher eine Familiengeschichte?

Ich glaube, es ist beides. Ich habe für das erste Buch "Ab heute heiße ich Margo" sehr intensiv aus der eigenen Familiengeschichte geschöpft und gleichzeitig natürlich schon die Absicht gehabt, aus einem ganz anderen Blickwinkel etwas über diese verschiedenen Deutschlands, in denen wir gelebt haben, zu erzählen, sowie meine Elterngeneration, die das Dritte Reich noch erlebt hat. Ich wollte das ein bisschen aufbewahren. Und das trifft für "Margos Töchter" in gewisser Hinsicht auch zu.

Wir wollen ja nicht zu viel verraten. Stehen die beiden auch für das jeweilige Gesellschaftssystem im Westen und im Osten?

Ja, ich denke schon. Die eine heißt Leonore, man könnte auf die Idee kommen, dass sie gewisse Ähnlichkeiten mit mir hat. Jedenfalls war sie in der Pubertät, glaube ich, ein schreckliches Mädchen. Das war ich auch. Und sie durchlebt auch Situationen, die ich auch erlebt habe. Man kommt zurück als Blumenkind aus London und sieht im Studium eigentlich nur noch schwarzgekleidete Menschen in Lederjacken und mit Stiefeln über den Hosen, die über Marx reden.

Sie haben zum Beispiel als Redakteurin beim "Pflasterstrand" gearbeitet. Und eine linke Zeitschrift kommt auch vor in diesem Buch.

Das hat mir ein Riesenvergnügen gemacht. Natürlich verarbeitet man hier immer die eigenen Erfahrungen, und meine anderthalb Jahre beim "Pflasterstrand" waren für mich absolut großartig. Man konnte da eigentlich wirklich das Schreiben lernen, wenn man mit zwei, drei, vier Leuten zusammen ein ganzes Blatt zusammenschreibt, dann auch unter Pseudonym. Da lernt man natürlich auch Rollenprosa, ist ganz klar.

Ein diebisches Vergnügen hat mir gemacht, meine im Osten aufgewachsene, von der Stasi angeworbene Clara mit ihrem strengen SED-Bewusstsein in ein Spontiblatt zu schicken, wo sie prompt aneckt mit ihren realsozialistischen Überzeugungen. In dem bürgerlichen Blatt, in dem sie später anheuert, eckt sie damit überhaupt nicht an. Im Gegenteil, sie ist dem einen oder anderen Menschen dort nicht linientreu genug.

Und das hat mich im Nachhinein auch bei der bei der Recherche wirklich verblüfft. In der politisch-medialen Elite der Bundesrepublik war die DDR entschieden beliebter als in der DDR selbst. Was da so abging an Lobhudelei dieses angeblich besseren Deutschlands, das ist, wenn man das alles so am Stück im Nachhinein liest, schon wirklich verblüffend. Da waren die Frankfurter Spontis schon ein bisschen anders.

Und links ist offensichtlich nicht gleich links.

Das weiß ich eigentlich schon lange. Aber es tut gut, immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen, wie viele Schattierungen von links es eigentlich gibt. Nicht nur immer die eine und vor allen Dingen auch nicht immer nur die sozialdemokratische.

Clara wird eine linientreue Parteisoldatin, die sogar die eigene Mutter bespitzelt. Das kann man alles wissen. Aber was ich gar nicht so wusste: Sie war Einflussagentin des MfS der DDR im Westen. Wie haben Sie dieses Lebensgefühl denn recherchiert?

Ich hatte Freunde, ich habe Freunde, das ist das Schöne. Mir haben nicht nur die Bücher von Hubertus Knabe genützt, sondern die vielen, vielen Gespräche und auch die Bücher von Helmut Müller-Enbergs, einem der besten Kenner des MfS und der Stasi-Akten. Und vor allen Dingen hatte ich Hilfe von Jörg und Christina Drieselmann vom Stasi-Museum in Berlin. Das ist eine Institution, die sich unbedingt lohnt.

In der ehemaligen Mielke-Trutzburg gibt es ein Museum, in  dem man bewundern kann, was das MfS einmal dargestellt hat. Ja, es haben DDR-Bürger DDR-Bürger bespitzelt. Aber das war sozusagen das Mielke-MfS. Das andere MfS von Markus Wolf war auf den Klassenfeind im Westen gerichtet. Und in der Tat wurden Einflussagenten in den Westen geschickt, weil man schon relativ früh vermutete, dass es mit dem real existierenden Sozialismus in einem Land wohl nicht richtig gut ausgehen würde, wenn die Unterstützung aus der Sowjetunion einmal wegfallen würde.

Sie hatten gerade im Stasi-Museum in Berlin auch eine Lesung. Wie ist das denn jetzt überhaupt als Schriftstellerin in Corona-Zeiten mit Lesungen? Die fallen doch vermutlich weitgehend flach?

Fragen Sie mich nicht, Frau Baumeister! Es ist furchtbar. Natürlich fallen die flach. Gottseidank haben sich die meisten Buchhändler ja über diese harten Zeiten gerettet. Und dass Amazon in der Zeit nicht mitspielte, weil sie glaubten, sie müssten andere Waren nach Deutschland liefern, hat dem stationären Buchhandel ja tatsächlich genützt. Die haben eben vielfach online Bücher verkauft. Also das ist ein Segen. Aber, da man ja nicht weiß, wie das jetzt weitergehen soll, werden Lesungen entweder gar nicht erst angefragt, oder sie werden abgesagt. Die im Stasi-Museum war die einzige, fand unter freiem Himmel statt. Insofern war das kein Problem.

Und dann fällt natürlich auch das halbe Einkommen weg. Sie machen Auftritte bei Facebook, um das Buch zu bewerben. Ich finde das sehr hübsch, aber eigentlich verkauft man doch auch ein bisschen die Seele. Oder?

Ach, es ist traurig. Es ist doch so. Man sitzt jahrelang allein im Kämmerchen. Homeoffice – das kenne ich seit unendlich vielen Jahren. Man sitzt allein im Kämmerchen, um dann mit dem Buch vor sein Publikum gehen zu können. Und die Belohnung ist ja wirklich, dass man vor Publikum liest. Man merkt: Kommt das an, was ich geschrieben habe? Löst es etwas aus in den Gesichtern der Menschen oder auch in den Gesprächen hinterher? Ich vermisse das sehr.

Die Tochter von Leonore, Jana, ist auch ein bisschen der Kitt, der die Geschichte zusammenhält und zum Schluss wieder von hinten aufrollt. Was hat das alles mit uns heute zu tun?

Eigentlich müssten wir da meine Leser fragen. Was hat das mit uns heute zu tun? Also mir ist aufgefallen an der Arbeit an diesem Buch, wie eng die DDR und die Bundesrepublik dann doch noch zusammengehangen haben. Und ehrlich gesagt, wie blind man gerade im Westen war gegenüber dem, was in der DDR nun wirklich los war. Was man vielleicht auch lernen kann; ich lerne das jedenfalls von meinen Freunden, die in der DDR aufgewachsen sind: vorsichtig sein, hingucken, keiner Rede sofort trauen, alles gegenchecken, auf Propaganda horchen. Diese sehr sensiblen Organe, die manch einer, der in der DDR aufgewachsen ist, noch immer hat, das ist mir sehr wichtig.

Und das gilt auch für den Westen. Verstehen wir uns denn heute besser, wenn wir wie Leonore, Clara oder Jana auch ein paar Dinge in der Vergangenheit verstehen und sei es eben durch einen Roman?

Ich glaube schon, ich glaube tatsächlich, dass es so etwas wie einen generationellen Zusammenhang auch in der Seele gibt, auch im Inneren gibt, auch im Gefühlsleben gibt. Gut, ich bin die ältere Generation. Aber ich glaube, ich habe das heute auch im Gespräch mit meinem Buchhändler in Grünberg gehört. Ich glaube, dass die Jungen das interessiert. Sie wollen das wissen, wie die verhängnisvolle deutsche Geschichte verlaufen ist. Und wenn ein Roman zu diesem Verständnis dient, dann wäre mir das mehr als recht.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 16.06.2020, 17:10 Uhr.

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