Cum Ex am Lichthoftheater Hamburg

In ganz Europa haben sie sich unrechtmäßig mindestens 55 Milliarden Euro von Finanzämtern haben erstatten lassen, die gar nicht gezahlt wurden. Ein Finanzskandal auf der digitalen Theaterbühne – wie geht das auf?

Überraschend gut, ich bin sehr angetan von der Leistung des Lichthof-Theaters, das ich vorher auch nicht kannte. Allgemein ist es ja gar nicht leicht, Theateraufführungen so abzufilmen, dass sie auch als Film was hermachen. Hier funktioniert das aber sehr gut. Zudem ist der Gegenstand total spannend und aktuell, im März hat Landesgericht Bonn ja die ersten beiden Urteile in Sachen "Cum-Ex-Papers" gesprochen – die leider recht milde ausgefallen sind.

Es ist ein Dokumentar-Theaterabend zu einem sehr komplexen Thema. Regisseur Helge Schmidt begleitete 2018 die journalistische Recherche der "Cum-ex Papers" über Monate. Was unterscheidet ein solches Dokumentartheater denn von den zahlreichen journalistischen Beiträgen, die es zum Thema gibt? Welchen Mehrwert sehen Sie da?

Schmidts Inszenierung verarbeitet journalistisches Recherchematerial, vor allem ein ausführliches Interview der Journalisten der ARD und der Recherchegruppe Correctiv mit einem Kronzeugen der Staatsanwaltschaft. Das Theaterstück kommt aber lebendiger daher als Fernseh-Dokumentationen oder Zeitungsartikel, weil hier künstlerische Freiheit herrscht, wo sonst – richtigerweise! – Faktencheck angesagt ist.

Und wie zeigt sich diese Lebendigkeit?

Die Inszenierung kommentiert das Geschehen kritisch bis sarkastisch, und erzählt beispielsweise die Geschichte vom Fuchs im Hühnerstall – der Hühnerstall, das ist der Steuersäckel, der sperrangelweit offen war in den Jahren 2001-2011. Die Füchse, das ist das Finanzwesen, und der Bauer ist der Finanzminister, damals war das Hans Eichel. Der Hühnerstall ist also wegen einer Gesetzeslücke sperrangelweit offen, und die Füchse rauben, was das Zeug hält. Das Ganze wird von einer Schauspielerin und zwei Schauspielern in verteilten Rollen dargestellt, ist irre witzig und schön böse.
Dabei kommt in Fall Cum-Ex kommt die Realität auch schon ganz schön saftig daher.

Saftig? Warum?

Ja, manche Sätze wirken so klischeehaft, dass ich schlucken musste. Sie sind jedoch Zitate des besagten Kronzeugen der Staatsanwaltschaft, der hier "Benjamin Frey" genannt wird und über 14 Monate detailliert aussagte, wie dieser Steuerbetrug im sehr großen Stil stattfand. Da fallen Sätze wie: "Meine Gier war so groß, da habe ich mich mit Moral nicht aufgehalten", oder "Ich dachte immer, ich wäre ein besserer Mensch, weil ich im Flugzeug vorne sitzen darf". Aber eben auch: "Die Rendite kommt vom Staat, und der Staat ist nie pleite."

Öffentliche Gelder als Rendite zu verstehen, das ist tatsächlich bitter. Spielt Frankfurt in der Geschichte eigentlich eine Rolle, als Bankenmetropole?

Ja, neben London ist Frankfurt der Hauptschauplatz dieser Finanzwelt, die ziemlich losgelöst von Gesellschaft zu agieren scheint. Benjamin Frey erzählt einmal, da stehe man im 32. Stockwerk eines Elfenbeinturm-Hochhauses Frankfurt, schaue auf die Taunusanlage herunter und fühle sich wie ein Genie, während all die Dummen, wir Dummen da unten herumkrebsen – aber im Fall Cum-Ex mit ihren Steuergeldern für den Luxus der Superreichen aufkommen. Für den nächsten Porsche, für die zweite Villa auf Mallorca, für den Thrill. Das ist sehr, sehr bitter. Allein Frey "verdiente" nach eigener Aussage 50 Millionen Euro mit Cum-Ex: Geld, das dann der öffentlichen Hand fehlt.

Wo gibt es diese offenbar hochspannende Inszenierung des Hamburger Theaters Lichthof denn nun zu sehen?

Auf der Plattform spectyou – einem neuen Streamingportal für Theateraufführungen. Zurzeit ist diese noch kostenfrei, man muss sich nur ein Benutzer*innenkonto zulegen. Perspektivisch kostenpflichtig werden dürfte das wie netflix & Co. - man darf gespannt sein, wie sich das über die Corona-Krise hinweg entwickelt.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 16.4.2020, 7:30 Uhr

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