Daniel Müller-Schott

Er ist einer der weltweit gefragtesten Cellisten, er spielt auf allen großen internationalen Konzertbühnen, seit über zwei Jahrzehnten begeistert er sein Publikum als Botschafter der klassischen Musik im 21. Jahrhundert. Die "New York Times" bejubelte ihn kürzlich als einen furchtlosen Spieler mit überragender Technik, die "Stuttgarter Nachrichten" schrieben, er spiele mit existentieller Dringlichkeit.

Daniel Müller-Schott spielt mit den größten Orchestern und den größten Dirigenten. In der Saison 19/20 ist er als "Museumssolist der Frankfurter Museumsgesellschaft" oft in Frankfurt und tritt sechs Mal in verschiedener Besetzung auf.

hr2-kultur: Wie fokussiert sind Sie Stunden vor einem Konzert?

Daniel Müller-Schott: Die Fokussierung beginnt eigentlich schon am Morgen des Tags des Konzerts, sodass sich alles auf den Abend hin konzentriert. Man probt natürlich sein Programm noch mal vorher, ruht sich aus, damit man die nötige Konzentration am Abend hat. Deshalb beginnt es am Konzerttag und eigentlich auch schon die Tage und Wochen vorher, weil das Programm natürlich vorbereitet werden muss.

hr2-kultur: Sie können sich ja Ort, Repertoire und Mitspieler aussuchen, das heißt, Sie fangen ganz früh an?

Daniel Müller-Schott: Das stimmt, und das war eigentlich bei dieser Residenz der Museumsgesellschaft das Wunderbare, dass man so großzügig die Möglichkeit bekommt, sowohl Programme als auch Partner zu wählen. In dem Fall [Konzert am 12. Dezember in der Alten Oper Frankfurt] spiele ich mit einem langjährigen Musiker und Freund zusammen, Simon Trpceski aus Skopje in Mazedonien - ein ganz virtuoser und vielseitiger Musiker. Mit ihm zusammen gestalten wir das Programm.

hr2-kultur: Sie spielen aus dem romantischen Repertoire von Brahms, Schumann, Strauss und Webern. Welchen Reiz hat dieses Programm für Sie?

Daniel Müller-Schott: Also die größeren romantischen Blöcke sind die beiden F-Dur-Sonaten. Ich fand es sehr spannend diese Tonart von zwei verschiedenen Komponisten gegenüber zu stellen und wie sie damit umgegangen sind. Es sind wirklich Meisterwerke. Brahms hat ja Ende seines Lebens die F-Dur-Sonate komponiert und hat da etwas sehr Orchestrales und Symphonisches hineingebracht. Richard Strauss mit seiner Sonate in F-Dur hat das ja in seiner frühesten Jugend komponiert. Es war eigentlich eines seiner ersten Werke und ist gleich ein Meisterwerk geworden. Das in diesem unmittelbaren Vergleich zu hören ist, glaube ich, sehr spannend.

hr2-kultur: Sie sind ja sehr viel unterwegs. Seit sie 17 sind, bereisen Sie die Welt. Da leben sie sicher nicht nur im Hotel. Welche Eindrücke haben Sie in Frankfurt schon, die Sie mit in Ihre Musik, in das Konzert, in den Aufbau des Konzerts, in das Repertoire mit einbeziehen?

Daniel Müller-Schott: In Frankfurt war ich tatsächlich sehr oft, weil ich als junger Künstler vom Hessischen Rundfunk gefördert wurde im Rahmen "Konzerte junger Musiker". Das hatte damals Hans Koppenburg ins Leben gerufen, dem ich wirklich sehr verbunden war, weil ich die Möglichkeit hatte, als Teenager alles mögliche Repertoire auszuprobieren und auch Aufnahmen zu machen. Als junger Musiker ist das wichtig, dass man sich sozusagen im Spiegel hört, daran lernt und reift. Da war ich sehr oft in Frankfurt. Ein Teil meiner Familie kommt auch aus Hessen, der Teil meines Vaters aus der Marburger Gegend. Insofern bin ich also Frankfurt und Hessen sehr verbunden. Ich war in den Museen und allen vielen Plätzen der Stadt und oft im Hessischen Rundfunk natürlich auch. Deshalb freue ich mich sehr, in dieser Saison so oft in Frankfurt sein zu können. Das ist etwas ganz besonderes.

hr2-kultur: Vorhin haben wir zitiert: "intensive Dringlichkeit, intensive Expressivität". Das Cello ist also ein tägliches Muss?

Daniel Müller-Schott: Absolut. Ich liebe das Cello seitdem ich angefangen habe damit und eigentlich über die Jahre immer mehr, weil es eine so ursprüngliche Kraft hat und wirklich etwas Existentielles ist, wenn man sich vorstellt, dass der Klang einen durch den ganzen Körper erfüllt. Man spürt einfach diese Vibration des Instruments. Mit dem Instrument, das ich spiele, das aus Venedig kommt und im 18. Jahrhundert gebaut wurde, ist das noch mal ein schöneres Erlebnis.

hr2-kultur: Ein Stück Holz, das oben kreischt und unten brummt?

Daniel Müller-Schott: Das ist es zum Glück nicht. Und Gottseidank hat ja auch Dvořák von seiner Meinung abgelassen und hat dann dieses wunderbare h-Moll-Konzert komponiert. Das Cello ist einfach ein sehr menschliches, warmes Instrument; es hat diese besondere Wärme durch den Bass. Es kann aber auch sehr virtuos sein, in den Höhen wie eine Geige singen. Es hat einfach einen großen Umfang und eine große Bandbreite. Deshalb bleibt es immer spannend.

hr2-kultur: Ich habe gelesen, Sie üben manchmal sogar am Flughafen, wenn Sie lange warten müssen. Stimmt das?

Daniel Müller-Schott: Ich komme gerade aus China. Vor ein paar Tagen hatte ich Konzerte mit Anne-Sophie Mutter zusammen, Manfred Honeck und dem Chinesischen Nationalorchester. Und da muss man natürlich auf Transitreisen, wenn man umsteigen und stundenlang warten muss, die Zeit überbrücken. Da finde ich es wunderbar, dass ich mein Instrument bei mir habe. Ich kann mich in jede Ecke setzen und Musik machen. Das ist sehr erfüllend.

hr2-kultur: Was sagen die Leute drum herum?

Daniel Müller-Schott: Die freuen sich. Ich spiele natürlich immer sehr leise, will niemandem zu sehr auf die Nerven gehen mit meinem Üben. Aber vor allem die Kinder kommen immer und fragen, was das ist, was ich da spiele und was ich da mache. Das freut mich immer.

hr2-kultur: Sie arbeiten sehr gerne mit Kindern. Da gibt es das Programm "Rhapsody in school", für das Sie sich engagieren. Bekommen Kinder zu wenig Musik in normalen Schulen?

Daniel Müller-Schott: Ich finde schon, dass der Musikunterricht sehr an den Rand gedrängt wird. Ich habe das selber erlebt, weil ich selber auf ein mathematisch-naturwissenschaftliches Gymnasium gegangen bin, weil man Vater dort Mathematik und Physik unterrichtet hat. Und der Musikunterricht war wirklich sehr dürftig. Man hat eigentlich von diesem ganzen Schatz der Komponisten und unserer europäischen Musiktradition fast nichts erfahren. Das war für mich der Auslöser, selber aktiv zu werden und in die Schulen zu gehen, auch um die Musiklehrer zu unterstützen. Deshalb mache ich das regelmäßig, dass ich an die Schulen gehe, den Kindern etwas über klassische Musik erzähle und sie auch einlade, ins Konzert zu kommen.

hr2-kultur: Erzählen Sie den Kindern dann auch, dass es nicht nur klassische Musik gibt. Sie sind ja auch schon mal bei Metal-Konzerten aufgetreten?

Daniel Müller-Schott: Ich habe ja auch in meiner Jugend alles gehört von Metal über Rap und Pop-Musik, bin auch in andere Konzerte gegangen. Aber die klassische Musik ist etwas, was wirklich ein Lebensbegleiter und Lebenshilfe sein kann. Also, wenn Sie an die großen Werke von Schubert oder Beethoven oder Mozart denken, das ist ein Schatz, den man im Leben immer wieder besuchen kann und dem man begegnen kann. Man kann mit allen Dingen, die einen belasten, in eine wunderbare Welt eintauchen, die ganz weit weg ist vom Alltag. Und das ist wirklich etwas ganz Besonderes. Dafür liebe ich die klassische Musik sehr.

hr2-kultur: Müssen Sie eigentlich diese Welt jeden Tag wieder neu erobern und das Cello auch?

Daniel Müller-Schott: In gewissem Sinne vielleicht, aber je mehr man sich damit beschäftigt, desto leichter lässt es sich eintauchen in diese andere Sphäre. Gerade auch, wenn man Konzert spielt, auf die Bühne geht und versucht, die Musik mit allen zu spielen und mit allen zu teilen, fällt es einem eigentlich leichter. Das sage ich auch immer, wenn ich unterrichte, weil mich junge Musiker fragen, wie man mit Lampenfieber und Auftrittsangst umgeht. Dann sage ich oft: Stellt Euch vor, wie viele Menschen erfüllt sind und ins Konzert gehen, um wirklich die Musik zu erleben. Wenn man daran denkt, wenn man sich hereinfühlt in diese Erwartung, dann ist es etwas sehr Positives und Schönes. Dann ist es auch leichter, sich in dieser Welt zurecht zu finden.

hr2-kultur: In Ihrer Welt gibt es ja auch noch andere Dinge. Sie sind Fußballfan?

Daniel Müller-Schott: In meiner Jugend war ich natürlich sehr aktiv, habe Sport gemacht und Fußball gespielt. Jetzt mache ich das noch als Hobby. Ich verfolge immer wieder mal, was die Fußballmannschaften machen. Gerade die großen Turniere sind spannend.

hr2-kultur: Sie haben ja auch mal mit Philipp Lahm etwas gemacht, beziehungsweise über ihn geschrieben?

Daniel Müller-Schott: Das war eigentlich eine schöne Begegnung mit ihm, weil ich ein Portrait über ihn in der "Süddeutschen Zeitung" kurz vor der WM 2006 verfasst habe. Er hat das gelesen und hat mir gedankt dafür. Es hat ihm sehr gut gefallen und er hat mir angeboten, auch mit Musik mal was zu machen. Und im Gegenzug haben wir dann ein paar Musik- und Sportprojekte zusammen gemacht und ein Portrait auf 3sat. Und da hat er auch seine erste Cellostunde auf meinem Cello bekommen.

hr2-kultur: Was haben Sie dann zu ihm gesagt?

Daniel Müller-Schott: Ich fand, er hat das sehr gut gemacht, ein sehr gutes Gefühl. Aber er meinte, mit den Füßen sei es wesentlich leichter.

hr2-kultur: Was hat er zu Ihrer Fußballkunst gesagt?

Daniel Müller-Schott: Er meinte, ich sei so ein Spielmachertyp. Das fand ich eigentlich ganz interessant, weil ich - wenn ich Fußball spiele - mich so sehr im Zentrum aufhalte. Man hat ja eine bestimmte Affinität zu einer Position, die man gerne spielt. Das ist ja in der Musik ähnlich. Ich fühle mich sehr wohl als Solist, aber auch in der Kammermusik. Fußball ist eigentlich eher ein Kammermusiksport, mit der Mannschaft zu agieren. Ich glaube, er hat ein entferntes Sporttalent erkannt.

hr2-kultur: Heute abend gibt es Kammermusik im Duo in Frankfurt in der Alten Oper. Eines würde ich gerne noch wissen: Ich habe gelesen, Sie sprayen gerne an Wände.

Daniel Müller-Schott: Ja, das habe ich auch in meiner Jugend gemacht. Das ist auch ein Teil des Programms vom Museumsorchester. Ich werde also direkt nach meinem Konzert ein Projekt haben mit Musik und Kunst. Ein Graffiti-Künstler aus Frankfurt, Justus Becker, kommt dazu und wird etwas malen. Es werden Schulklassen dort sein, und ich werde dazu etwas spielen. Mal sehen, was rauskommt. Ich bin immer offen für Projekte dieser Art. Kunst und Musik gehören, finde ich, unmittelbar zusammen.

Die Fragen stellte Daniella Baumeister.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 12.12.2019, 17:10 Uhr

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