Ludwig Knaus, Die goldene Hochzeit, 1859

Zu Zeiten von geschlossenen Ausstellungen rücken digitale Angebote von Kunst und Kultur in den Blick. Vor längerer Zeit schon hat das Museum Wiesbaden eine App entwickelt, eigentlich als Hintergrundinformation für den Rundgang vor Ort. Aber auch ohne findet man hier einen ganz besonderen Zugang zur Sammlung.

Was macht die App des Museum Wiesbaden besonders?

Hier hat sich offensichtlich jemand relativ frühzeitig Gedanken gemacht, wie man die Sammlungen des Hauses digital zugänglich machen kann: Alle Ausstellungsstücke werden durch kurze Audios vorgestellt. Und diese sind ausnahmslos gut gesprochen, mit wechselnden Stimmen, lebendig und leicht verständlich, teilweise kommen die Objekte sogar selbst zu Wort – so spricht der ausgestopfte Eisbär den Benutzer direkt an, aber nicht kitschig, sondern überraschend lebendig.

Also keine komplizierten fachwissenschaftlichen Texte?

Ganz und gr nicht! Man kann sich die verschiedenen Bereiche der Sammlungen aufrufen, z.B. die aktuelle Sonderausstellung zu Jawlensky und Werefkin, die Jugendstil-Sammlung oder die Naturhistorische Sammlung, kann sich auf kleinen Kacheln die Kunstwerke ansehen, einzelne auswählen oder sich auf eine Art Rundgang begeben, der mit einer kurzen Einleitung beginnt und dann von Stück zu Stück sich weiter entwickelt. Was man dabei als ansprechend erlebt, ist beileibe in den digitalen Museumsangeboten nicht selbstverständlich: Es gibt übersichtliche Rundgänge, der Nutzer wird quasi bei der Hand genommen.

Der virtuelle Rundgang ist von Schriftsteller Frank Witzel ausgewählt - eine Wiesbadener „Heimsuchung“?

Ja, Autor und Buchpreisträger Frank Witzel ist in Wiesbaden-Biebrich aufgewachsen und hat 2017 die Literaturtahge kuratiert. Was nun in der App des Museum nachhörbar ist, ist ein ganz ungewöhnlicher Schatz, der die Sammlung des Hauses ins Literarische erweitert. Witzel beschreibt das Museum seiner Kindheit als einen "Irrgarten von schmalen, holzgetäfelten Zimmern", in denen er "fern von der sonstigen Welt des Alltags, der Schule, des Elternhauses und den Anforderungen des Aufwachsens" jederzeit eintauchen konnte. Im Rahmen der Literaturtage hat er zu 24 Werken des Museums einen literarischen Text verfasst, der "jenseits von kunsthistorischen Bildbetrachtungen" die Besucher mit auf einen virtuellen Rundgang nimmt und den Titel "Heimsuchung" trägt. In Kooperation mit hr2-kultur ist damals ein Audioguide produziert worden, der in der App nun dauerhaft verfügbar ist.

Wie stellt sich diese Erweiterung der Kunst ins Literarische dar?

Witzel hat neun Kapitel benannt, die man einzeln ansteuern kann. Darin werden zwischen einem und vier Bilder besprochen. Das folgt keiner Stilgeschichte, keiner Chronologie, keinem inhaltlichen Thema, sondern ist absolut subjektiv und literarisch mäandernd. Aber der Autor beobachtet genau, stellt den Bildern existentielle Fragen. Wir folgen seinem Blick und erleben beispielweise in Kirchners Berglandschaft eine drachenartige Natur, die die Wanderer verschlingt, driften in einem Gemälde von Ludwig Knaus in den Bereich zwischen Schlaf und Traum und entdecken in einem schauderhaft blutenden Christus als Schmerzensmann aus dem 15. Jh ein seltsam tröstendes Element.

Wo findet sich diese "Heimsuchung"?

Dieser literarisch-kunstvolle Schatz ist fast ein wenig versteckt in der App selbst – man muss auf der Startseite gleich auf den Button „Wiesbaden Heimsuchung“ gehen, der Name Witzel findet sich da zunächst gar nicht, erst wenn sich der Rundgang öffnet. Aber dann findet sich eine echte Perle. Unbedingt empfehlenswert!

Die App ist für iPhone oder iPad im App Store sowie für Android-Smartphones im Google Play Store kostenlos erhältlich. Zunächst ist evtl. die englische Version voreingestellt, zur deutschen Version gelangt über das Menü links oben und "Settings".

Noch mehr virtuelles Museum gibt es hier

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 30.3.2020, 7:30 Uhr

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