Deniz Yücel, deutsch-türkischer Journalist, bei der Eröffnung der 69. Bad Hersfelder Festspiele.

Erst nach langem politischen Tauziehen kam der in Flörsheim (Main-Taunus) geborene Journalist Deniz Yücel aus türkischen Gefängnissen frei und durfte ausreisen. Ein Jahr lang saß er wegen angeblicher Terrorpropaganda in Haft. Am Dienstagabend wurde Yücel zum neuen Präsidenten des PEN-Zentrum Deutschland mit Sitz in Darmstadt gewählt. Die vor fast 100 Jahren gegründete Schriftstellervereinigung tritt ein für die Freiheit des Wortes.

Im Interview erklärt Yücel, was diese Wahl für ihn persönlich bedeutet und wie er seine neue Aufgabe versteht - und wieso er die Rede des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann (SPD) bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels kritisch sieht.

Welche Diskussionen möchten Sie gerne anstoßen? Wie sehen Sie die Lage der Meinungsfreiheit aktuell? In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen ist Deutschland wieder um zwei Plätze abgerutscht.

Deniz Yücel: Grundsätzlich sehe ich die Lage in Deutschland zum Glück nicht so schlimm wie in vielen anderen Ländern der Welt. Aber das heißt nicht, dass wir in Deutschland keine Probleme hätten. Auch deswegen, habe ich nach einiger Überlegung zugesagt, als man mich fragte, ob ich für dieses Amt des PEN-Präsidenten kandidieren möchte.

Wir haben in Deutschland das organisierte Ressentiment, das in Fraktionsstärke im Parlament sitzt, in einigen Bundesländern sogar die stärkste Partei ist. Wir haben in der Corona-Zeit eine Bewegung erlebt, die - nicht, weil alle Kritik an den Corona-Maßnahmen falsch gewesen wäre, ganz und gar nicht - in weiten Teilen aus einem Irrationalismus gehandelt hat und vom Irrationalen zum Gewalttätigen ist es nicht mehr weit. Die Übergriffe auf Kolleginnen und Kollegen bei diesen Corona-Demonstrationen haben dazu beigetragen, dass Deutschland so in diesem Ranking abgerutscht ist.

Aber wir haben in der Frankfurter Paulskirche, wo die aktuelle PEN-Versammlung stattfand, vor ein paar Tagen auch erlebt, dass manchmal Leute im Namen von guten Zielen versuchen, die Freiheit des Wortes einzuschränken. Und ich meine damit nicht, dass da jemand ans Rednerpult gestürmt ist und das Mikrofon an sich gerissen hat. Ich finde auch das gehört zur Streitkultur dazu. Auch das kann man aushalten. Doch die Reaktion des Frankfurter Oberbürgermeisters fand ich wirklich besorgniserregend.

Die Freiheit des Wortes gilt nicht nur für mich und meinesgleichen. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass Sie das Recht haben auf meine Meinung, sondern Sie haben das Recht auf Ihre Meinung. Die Freiheit des Wortes, die Freiheit der Kunst muss man im Zweifelsfall auch nicht nur gegen die Bösen und gegen die Mächtigen verteidigen, wenn es nötig ist, sondern manchmal auch gegen die Guten. Denn die Freiheit des Wortes gilt auch für das dumme Wort. Die Freiheit der Kunst gibt es auch für die Bescheuerten.

Sie haben durch Ihre Verhaftung in der Türkei die Abwesenheit von Meinungsfreiheit ganz konkret am eigenen Leib erfahren. Was bedeutet diese Wahl für Sie ganz persönlich und für Ihre Arbeit?

Yücel: Ach, das weiß ich noch nicht. Ich wurde ja erst gewählt. Aber ich hatte mir nach meiner Freilassung fest vorgenommen, mich nicht auf eine bestimmte Rolle reduzieren zu lassen, als der Journalist, der im Kerker des Kalifen saß. Das bedeutet auch, das Gefängnis weiterhin mit sich herumzuschleppen, das bedeutet letztlich Unfreiheit. Und ich wollte meine Freiheit und meine Normalität. Ich wollte auch meinen Job zurück bei der "Welt", den ich wieder angefangen habe. Jetzt nicht mehr als Türkei-Korrespondent, sondern als Autor für andere Themen, die mich gerade interessieren.

Aber was ich gemerkt habe: Wenn ich mich zu bestimmten Themen äußere, gerade zu Meinungsfreiheit und den Grenzen im Umgang mit Meinungsfreiheit, dann wird das durch diese Erfahrung, diese Rolle, die ich mir nicht ausgesucht habe, anders zur Kenntnis genommen, als das bei mir vorher der Fall war und als es bei den meisten anderen Kolleginnen und Kollegen der Fall ist. Daraus erwächst eine Verantwortung und dieser Verantwortung möchte ich mich stellen, auch indem ich jetzt das Amt des PEN-Präsidenten übernehme.

Was sind Ihre offiziellen Aufgaben als Präsident des PEN-Zentrums Deutschland? Welche Macht haben Sie, Dinge anzustoßen oder auch zu verändern?

Yücel: Macht hat man weder als Autor, noch als Schriftstellerin oder als Vorsitzender eines Vereins wie dem PEN. Man hat einzig, und das ist auch die Waffe, die man allgemein als Intellektueller hat, die Waffe des Wortes. Die werde ich im Sinne der PEN-Charta und im Zweifel für die Meinungsfreiheit und für die Freiheit der Kunst einsetzen zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Präsidium.

Die leisten wirklich großartige Arbeit mit Programmen wie Writers in Exile und Writers in Prison, die sich um Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern kümmern, die verfolgt werden, die im Knast sitzen. Man versucht, soweit das möglich ist, sie da rauszuholen, Stipendien zu geben, solche Sachen. Das ist eine ganz konkrete Arbeit, die der PEN leistet. Das wird jetzt nicht mein Aufgabenbereich sein, aber das ist eine Arbeit, die ich sehr wichtig finde. Meine Aufgabe wird größtenteils darin bestehen, mit dem Wort für das freie Wort das Wort zu ergreifen, was jetzt sehr viel Wort war. Aber so ist es manchmal.

Das Gespräch führte Karmen Mikovic.

Sendung: hr2-kultur, 27.10.2021, 15:10 Uhr