Kunstweg Gießen: "Wiehernder Hengst" von Gerhard Marcks vor dem Philosophikum

In der guten alten Zeit, als die öffentliche Hand noch genügend Geld hatte und bei Bauvorhaben gleich auch Kunst einzuplanen, wurde in Gießen auf dem Campus der so genannte Skulpturenweg angelegt. Seine Aufgabe war es, die verstreut liegenden Gebäudekomplexe des weitläufigen Areals miteinander zu verbinden.

Gleich mehrere Generationen von Bildhauern sind auf dem Kunstweg in Gießen versammelt. Aber alle 15 ausschließlich männlichen Künstler waren Professoren an deutschen Kunsthochschulen. Oder sie waren Teilnehmer der documenta. Die hier aufgestellten Kunstwerke sind teilweise monumental. Wahrscheinlich empfand man dies in den 1980er Jahren als passend für die Aufstellung an einer Universität, diese Versammlung von künstlerischem Renomée. Dabei war die Platzierung der ersten Skulptur auf dem Campus Gießen eine schwere Geburt: Vor dem Gießener Philosophikum steht ein überdimensional großer, wiehernder Hengst. Gerd Steinmüller vom Kunstpädagogischen Institut erzählt seine Geschichte und von der Beziehung zu dem Bildhauer Gerhard Marcks.

"Er war im Grunde genommen so was wie ein Universitätskünstler - und irgendjemand kam dann auf die Idee, dieses Pferd, diesen Zweitguß dann anzukaufen. Und dann ging das lange dann hin und her, wo das dann überhaupt hin sollte. Also ursprünglich dachte man an die  Veterinärmedizin, kein Witz! Hin und her und her und hin, also das war in der Tat eine sehr lange Auseinandersetzung - bis Gerhard Marcks dann, das war kurz bevor er starb, gesagt hat, es kommt hierher, fertig aus und es wird aufgesockelt. Und damals stand das frei, es war nichts bepflanzt und es stand dann also mit dem Kopf zu den Wiesen und mit dem Hintern zur Wissenschaft."

Ein Scherz des Künstlers? Gerhard Marcks, der bereits 1889 geboren wurde und am Bauhaus in Weimar lehrte, ist der mit Abstand älteste Künstler in der Sammlung der Universität Gießen. Sein großer Bronzeguß des wiehernden Pferdes erscheint aus heutiger Sicht regelrecht klassisch. Ganz im Gegensatz zu dem sogenannten "Räderwerk Nord" des Schweizer Künstlers Vincenzo Baviera. Man zuckt zusammen, wenn jemand die großen Stahlräder der industriell erscheinenden Maschinerie in Gang setzt.

Zwischen den Stahlelementen wachsen Wildblumen und Kletterrosen, Guerilla Guardening. Das weicht die streng lineare Ästhetik vor den weißen Wissenschaftsgebäuden im Hintergrund natürlich auf. Aber mit solchen anarchischen Eingriffen bei Kunstwerken muss man auf einem Universitätscampus rechnen. Die Kunstwerke werden eingemeindet. Gerd Steinmüller berichtet von den Mythen des Alltags abergläubischer Studierender:

"Ich weiß nicht, wann das aufgekommen ist, dass man bei Balkenhols "Mann im Turm" auf keinen Fall zwischen den Gestängen des Turms durchgehen darf - weil man dann ziemlich sicher durch die Prüfung fällt...!"

Balkenhols Skulptur steht zentral auf einem Hauptweg Richtung Mensa und musste schon für anderes herhalten, als Treffpunkt sowieso, aber auch als Botschafter für studentische Anliegen. Während des großen Studentenstreiks 1997 wurde ihm ein Streik-T-Shirt angezogen. Das Pferd von Gerhard Marcks bekam wiederholt eine Zebrabemalung und auf den Mauern der großen Backsteinarbeit von Per Kirkeby werden regelmäßig Plakate geklebt und Graffitis gesprüht. Allerdings, als ich im Sommer 2020 auf dem Campus unterwegs bin, befinden sich die Skulpturen gerade in einem erfreulichen Zustand – gereinigt und unbeklebt. Besonders beeindruckend ist eine große Steinskulptur von Ulrich Rückriem.

"Dieser Stein sollte ursprünglich der Stein sein, der 1982 auf der documenta ausgestellt wurde, der war dann aber irgendwie schnell verkauft und dann sagte Rückriem - das ist nicht schlimm, ich mach euch nen neuen – und so ist dann eben dann eben dieses Tor entstanden."

Ein gewaltiger Block aus Granit steht also vor der Universitätsbibliothek. Bohrlöcher laufen waagerecht über ihn und markieren eine Art Türsturz. Zwei feine Linien sind ausgesägt worden und zeichnen ein verschlossenes Tor in den Stein. Die grobe ungeschliffene Fläche zeigt die natürliche Struktur des Steines. Svahut man hier in das Herz eines Berges? Die gewaltigen Kräfte, die notwendig waren, um ihn aus seinem Steinbruch zu brechen, kann man nur sehr entfernt erahnen.

Der Campus in Gießen wird gerade umgebaut und so laufen wir teilweise zwischen Baustellen. Manchmal muss man Baugruben umrunden. Aber man kann hoffen, dass die Skulpturen auch nach Abschluss der Neugestaltung des Gießener Uni-Campus' einen guten Platz finden werden.

Sendung: hr2-kultur, ab 6.7.2020

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