Paillettenkleid

"Du trägst ein Kleid", sagt Onkel Theo, als ich in die Küche komme. Ich schaue an mir herunter und tatsächlich: Ich trage ein Kleid. "Du trägst nie Kleid", sagt Onkel Theo. Kleider wirken immer so bemüht, sage ich, als verkleidete man sich, als mache man sich schön, als wäre es einem wichtig, wie die Welt einen sieht. Deswegen trage ich keine Kleider, außer eben jetzt, wo die Welt einen überhaupt nicht mehr sieht.

"Ich möchte auch ein Kleid", sagt Onkel Theo.

Ob er öfter Kleider trage, frage ich, nein, nie, sagt Onkel Theo er habe in seinem ganzen Leben nicht mal darüber nachgedacht ein Kleid zu tragen, er sei eher so der Anzugtyp, aber Anzüge sind eben geschäftlich und Kleider sind schön und er wäre jetzt auch gerne schön. Er solle es mal probieren, schlage ich vor, aber Onkel Theo lehnt ab, dass könne er ja wohl nicht machen, er sei ein Mann und alt und ich sage, wenn nicht jetzt wann dann.

Das graue aus Baumwollstretch lehnt er ab, es sei zu bequem, außerdem glitzert es nicht. Wenn man mit 82 Jahren das erste Mal ein Kleid trüge, dann müsse es glitzern, soviel sei man sich schließlich schuldig. Glitzer hab ich nicht, doch dann fällt mir die Kiste mit den Halloween-Kostümen ein: 2012, Diana Ross, goldene Pailletten.

Das Kleid ist sehr eng, die Pailletten kratzen, Onkel Theo ist glücklich. Dass ich ihm keine Schuhe geben kann, stört ihn nicht, er tänzelt auf den Zehenspitzen wie eine junge Ballerina mit Rheuma und Überbein. Wir sollten alle öfter Kleider tragen, sagt Onkel Theo, wir sollten uns alle mehr zeigen, wir sollten alle mehr gesehen werden, wir sollten spazieren gehen!

"Jetzt?" frage ich und Onkel Theo sagt wenn nicht jetzt, wann dann, die Straßen sind leer, die Welt ist es sowieso und die Virologen sagen, man solle spazieren. Über goldene Pailletten sagen die Virologen zwar nichts, aber das sage ich nicht. Ich ziehe meine Schuhe aus, schließe die Tür hinter uns ab und tänzle mit Onkel Theo durch die Straßen. Wir waren noch nie so schön und dann wird uns kalt und wir gehen wieder zurück.

Die Romanempfehlungen von Nele Pollatschek hören und lesen Sie hier

 Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 31.3.2020, 8:45 Uhr

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